Zwei Männer mit dem Krug in Görlitz
Wer die Neißstraße hinuntergeht, wird rechts an der Ecke der Kränzelgasse ein Steinbild gewahren. Es stellt zwei Männer dar, die gemeinsam einen großen Krug in Händen halten, um die Vorübergehenden gleichsam anzuprosten. Über diese beiden Männer mit dem Kruge sind allein vier Sagen im Schwange.
Die erste will davon wissen, dass einmal ein ungeheuerlicher Wolkenbruch im Quellgebiet der Lausitzer Neiße niedergegangen, Brücken, Häuser, Mühlen und Wehre weggerissen habe und um Görlitz herum den reißenden Bergstrom habe so hoch anschwellen lassen, dass man aus den Fenstern des zweiten Stockwerks der Neißstraßenecke mit dem Kruge habe Neißewasser schöpfen können.
Nach der Meinung anderer ist das Bild der beiden Kannenmänner die Erinnerung an zwei Trunkenbolde, die Tag für Tag und Nacht für Nacht in der Neißgasse um die Kränzelgassenecke herumgetorkelt seien.
Nach dem Berichte eines dritten Heimatgeschichtenschreibers wird die Abbildung so gedeutet: Zwei Böttchermeister hätten sich eines Tages ohne Wissen ihrer Frauen heimlich auf die Wanderung begeben, um in Prag das berühmte böhmische Bier zu kosten. Dann seien sie reumütig mit einem Kruge dieses köstlichen Bieres zurückgekehrt, um ihre Frauen davon kosten zu lassen und sie damit zu versöhnen.
Schließlich sehen andere Erzähler in den beiden trinkfrohen Männern lediglich ein »Saftmal«, wie es die Blumen haben, um die Immen anzulocken, d. h., als ein werbendes Gasthofzeichen an der Gastwirtschaft »Zur weißen Kanne«. Und in diesem Gasthause, erzählen die Leute, sollen vor allem die Ritter von der Landeskrone regelmäßig eingekehrt sein, um dort wacker zu zechen.
Es bleibt nun dem Beschauer überlassen, welcher der vier Deutungen des rätselhaften Steinbildes er die größte Glaubwürdigkeit beimessen will.
