GOERLITZ-ALBUM

Wie Rübezahl Ziegen fütterte

Eines Tages lag der Geist unsichtbar an einem moosigen Hange und sonnte sich. Da kam ein Weiblein des Weges, das schwer bepackt, keuchend den Hang hinaufstieg. Sie hatte ein Kind an der Brust, eins auf dem Rücken, eins führte sie an der Hand, und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb und einen Rechen. Augenscheinlich war die Frau aus­gegangen, um Laub als Futter für ihr Vieh zusammenzuschar­ren. Eine Mutter, dachte Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern und vollbringt dabei noch ihre Arbeit ohne Murren. Nachher wird sie auch den vollen Korb noch tragen müssen.

 

Dieser Gedanke versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, und er betrachtete die Gruppe mit freundlichen Blicken.

Die Frau setzte ihre Kinder auf den Boden und fing an, Laub von den Büschen zu sammeln. Aber den Kindern wurde die Zeit zu lang, und sie fingen an zu schreien. Die Mutter ließ ihre Arbeit liegen, hob die Kleinen in die Höhe und spielte und tändelte mit ihnen auf und ab, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit.

 

Bald darauf stachen die Mücken das kleine Volk, und das Geschrei fing von neuem an.

Die Mutter wurde dabei nicht ungeduldig. Sie lief ins Ge­hölz, pflückte Brombeeren und Himbeeren und fütterte die Kleinen. Allein der eine Knabe, der vorher auf der Mutter Rücken geritten hatte, war ein störrischer Junge, der die Beeren, die ihm die Mutter reichte, von sich warf und schrie, als ob er am Spieß steckte.

 

Dabei ging der Frau endlich die Geduld aus.

„Rübezahl", rief sie, „komm und friß mir diesen Schrei­hals auf!"

Augenblicklich nahm der Geist menschliche Gestalt an und trat als Köhler aus dem Dickicht.

 

„Hier bin ich. Was ist dein Begehr?"

 

Die Frau geriet in keinen geringen Schrecken, aber da sie ein herzhaftes Weib war, faßte sie sich schnell.

„Ich rief dich nur", sagte sie, „um meine Kinder zum Schweigen zu bringen; du siehst, sie sind jetzt ruhig, und ich bedarf deiner nicht mehr. Sei also bedankt für deinen guten Willen!"

Aber der Gnom erwiderte rauh: „Weißt du auch, dass man mich nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Wort. Gib mir den Schreihals, dass ich ihn fresse!"

 

Damit streckte er die Hand nach dem Knaben aus.

Aber wie die Henne, die ihre Küken verteidigt und die Federn drohend sträubt, so fiel die Frau dem Köhler mutig in den Bart, ballte die kräftige Faust und schrie:

„Ungetüm! Das Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, eh' du mir mein Kind rauben darfst!"

 

Auf solchen mutvollen Angriff war der Geist nicht gefaßt Er wich zurück und sagte lächelnd: „Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser. Ich will auch dir und deinen Kin­dern kein Leides tun. Aber lass mir den Knaben! Er gefällt mir. Ich will ihn aufziehen wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleiden und einen Herrn aus ihm machen, der einst Vater und Brüder unterstützen soll. Fordere hundert Dukaten, ich will sie dir geben."

 

„Ha!" lachte das Weib, „gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge wie'n Daus. Der wäre mir um alle Schätze der Welt nicht feil."

„Törin!" sagte der Berggeist; „hast du nicht noch drei Kin­der, die dir Last und Überdruß machen? Mußt sie kümmer­lich nähren und dich mit ihnen plagen Tag und Nacht."

Das Weib schüttelte den Kopf. „Dafür bin ich Mutter. Kinder machen Last, aber auch Freude. Hätt' ich nur hundert Hände! Ich wollt' sie noch ganz anders regen für die vier!"

„Hat Euer Mann keine Hände", fragte Rübezahl, „um für Euch zu schaffen?" - •

„O ja", sagte sie, „er hat schon Hände. Ich spür' sie oft genug an meinem Leibe."

„Was?" schrie der Geist, „er wagt es, Euch zu schlagen? Das Genick will ich ihm brechen, dem Scheusal!"

Sie lachte. „Da könntet Ihr manches Genick brechen, wenn Ihr alle Männer strafen wolltet, die ihre Frau schlagen. Aber mein Steffen hat wohl auch sein Gutes."

 

„Was für ein Gewerbe treibt er?" fragte der Geist.

 

„Er ist Glashändler. Hat's auch sauer genug. Tagaus, tag­ein schleppt der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber. Wenn ihm dabei ein Glas zerbricht, dann allerdings muß ich's entgelten. Aber Schläge aus Liebe tun nicht weh. Nun aber muß ich fort. Helft mir den Korb auf den Rücken, und gehabt Euch wohl. Wenn Ihr wollt, gebt dem Knaben noch einen Groschen zum Milchbrot, da er Euch so gefallen hat."

 

Der Geist antwortete: „Aufhelfen will ich dir wohl. Aber gibst du mir den Knaben nicht, so geb' ich ihm auch nichts."

„Auch gut", sagte das Weib, nahm ihre Kleinen auf und ging ihres Wegs.

Je weiter sie aber ging, um so schwerer wurde ihr der Korb. Sie erlag fast unter der Last, und zweimal mußte sie den Korb absetzen und einen Teil ausschütten. Wunderlich schien ihr das, denn sie hatte oft hochgepackte Graslasten heimgetragen und solche Mattigkeit nie empfunden.

Zu Hause warf sie den Ziegen das Futter vor, gab den Kin­dern ihr Abendbrot, betete ihr Abendgebet und legte sich fröhlich schlafen.

Aber als sie am Morgen in den Stall trat, um die Ziegen zu melken, welcher Anblick erwartete sie da! Alle Tiere lagen im Stroh, die Beine von sich gestreckt, starr und tot.

„Ich unglückliches Weib", schrie die arme Frau, „was fang* ich an! Was wird mein Mann sagen, wenn er heimkommt! Wir sind zum Unglück geboren."

 

Aber bald raffte sie sich auf, schämte sich des Kleinmuts und dachte bei sich: „Hast du nicht liebe Kinder und zwei starke Arme und willst von Unglück reden?"

Wie sie die Augen aufhob, lag da ein Blättlein, das schim­merte wie Gold. Sie hob es auf, besah es. Es war schwer wie Metall. Schnell lief sie zur Nachbarin, die eine Handelsfrau war, und zeigte ihr den Fund. Die Frau erkannte es als eitel Gold, handelte es ihr in Eile ab um drei schwere Taler und zeigte sich noch hochvergnügt über den Kauf. . Jetzt war alle Not vorbei. Das Weib hatte sie so viel Geld besessen. Sie lachte und sprang selig heimwärts. Für das Geld konnte man vier Zicklein kaufen und behielt noch Geld übrig für einen Kuchen und eine Hammelkeule, den heimkehrenden Steffen zu bewirten. Aber zuerst mußte das tote Vieh be­graben werden.

 

Wie sie in den Stall kam, da funkelte es aus der Krippe. Die ganze Laubstreu war'gediegenes Gold. Sie schlug die Hände zusammen. Daran also war ihr liebes Vieh gestorben. Rasch holte sie ein Küchenmesser und schnitt den Leib der Tiere auf. In jedem fand sie ein stattliches Klümpchen Gold.

 

Jetzt war des Reichtums kein Ende. Aber mit dem Besitz kam gleich die Sorge. Wie sollte sie's verbergen? Wie es in Münze umwandeln? Wie vor Dieben schützen? In ihrer Not ging sie zum£ Pfarrer und erzählte ihm die Geschichte, be­richtete getreulich, wie Rübezahl ihr geholfen und den Reich­tum geschaffen hatte und bat ihn, das Gold zu bewahren.

Der Pfarrer freute sich über das Glück des armen Weibes. „Nutze den Segen gut", sagte er. „Gib reichlich den Armen, bleib fleißig und ohne Hoffart, so wird der Reichtum tausend­fältige Frucht tragen."

Das Goldwerk ward sogleich abgewogen und im Kirchen­schatz verwahrt, damit kein Dieb es erwischen könnte und es auch dem Steffen nicht zu Kopf stiege, wenn er den goldenen Berg auf einmal erblickte. Nach und nach, bescheiden und je nach vernünftigem Bedarf sollte der Goldeswert in die Hände der Frau gelangen. Eine Handvoll Goldblätter las sie gleich heraus für die .Atmen im Dorf, den Rest sollte der gute Pfarrer in Verwahrung lassen.

„Ich weiß Euch ein Bauerngut, keine Stunde von hier", sagte er, „darauf müßte es eine Lust sein zu schalten, und auch für die Kinder ist ein Obstgärtlein dabei, groß genug, um ihr Gelüste zu befriedigen, sooft sie wollen,"

. Jetzt erst übersah die lachende Frau ihr Glück. Sie sprang vor Freuden in die Höhe und wäre um ein Haar dem Pfarrer um den Hals gefallen. Sogleich ward alles beredet, und der gute Pfarrer zog seine Stiefel an, den Kauf noch am selbigen Tage richtigzumachen.

 

Inzwischen aber sann Rübezahl im Gebirge, wie er den groben Steifen strafen und ihm den Tyrannensinn gehörig austreiben könnte. Denn es ergrimmte ihn gewaltig, daß einer ein solches Weib ungestraft schlagen dürfe.

Flugs sattelte er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal und spionierte auf allen Land­straßen und Kreuzwegen, wo etwa ein wandernder Glas­händler sich zeigen mochte.

Auf diese Weise konnte ihm der schwer beladene Steifen nicht entgehen. Schon von weitem sah er ihn schwitzend und unmutig keuchend das Gebirge ersteigen. Steifen sputete sich, die Höhe zu erreichen, denn wenn er den Grat erstiegen hatte, war das Schlimmste überwunden, und der Abstieg der Heimat zu war dann ein leichtes Ding.

 

Nach großer Anstrengung erreichte er die Zinnen des Ber­ges. Der Schweiß lief ihm von der Stirn, der Rücken schmerzte, und die müden Beine sehnten sich danach, auszuruhen. Mitten im Wege lag ein abgesägter Fichtenstamm, und der Überrest stand empor gerade wie ein Tisch und lud zum Ausruhen ein. Dort stellte der müde Mann den Holzkorb nieder und warf sich selbst in den Schatten daneben. Hier war's wohlig zu ruhen, und befriedigt überrechnete Steifen, wieviel er von dem Glase, das er erhandelt hatte, wohl als Gewinn zurückbehalten würde. Gewiß so viel, um einen Esel zu kaufen. Dann brauchte er nicht mehr den eigenen Rücken mit dem schweren Korb zu belasten, sondern ging gemächlich nebenher. Und ist erst der Esel da, dachte er, so soll auch bald ein Pferd im Stall daneben­stehen, und dann ist es wohl auch nkht mehr allzu weit zu einem Stücklein Acker, auf dem der Hafer für meine Tierchen wächst. Aus einem Acker aber werden bald zwei und mit den Jahren wohl auch ein Bauerngut, und dann kann die Ilse meinetwegen auch den neuen Rock bekommen, nach dem sie immer jammert.

 

Wie er so weit war mit seinen Gedanken, da trieb Rübezahl heimlich seinen Wirbelwind vom Tal herauf, tummelte ihn um den Holzstock, und krach! stürzte der Glaskorb, wie er war, vom hohen Pflock herab. Tausend Splitter klirrten, und zugleich war es, als ob ein schallendes Gelächter aus der Ferne herüberdrang.

 

Der arme Steffen hockte da wie vom Donner gerührt. Mit einem Schlage war aller Reichtum verschwunden. Seine ganze Habe lag in Scherben, und das Leben war ihm nichts mehr wert. Ja, es lag vor ihm wie ein zerbrochenes Glas, und er wünschte sich den Tod.

Aber die Stunden vergingen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als den leeren Korb auf den Rücken zu nehmen und als ein armer Mann heimwärts zu ziehen. Wie sollte er seinem Weib vor die Augen kommen! Kleinlaut setzte er einen Fuß vor den anderen, und der liebliche Heimweg schien ihm heute wie mit bitterlichen Dornen bestachelt.

 

Es war Nacht, als er ankam. Zaghaft klopfte er ans Fenster. „Liebes Weib, erwache und tu mir auf!"

Voll Freuden sprang sie vom Lager auf, entriegelte hurtig die Tür und fiel dem Mann fröhlich um den Hals.

Aber er erwiderte ihre Liebkosungen frostig, warf den Korb zur Erde und setzte sich mürrisch auf die Ofenbank.

Das ging dem Weib zu Herzen.

„Was hast du, lieber Mann?" sprach sie. „Was grämt dich? Was ist dir begegnet?"

 

Aber er antwortete nur mit Stöhnen und Seufzen.

Schließlich erzählte er ihr mit abgebrochenen Worten sein Unglück. Wie er aber von dem fernen Gelächter erzählte, erriet sie Rübezahls Streich und Absicht, und das Lachen kam ihr an.

„Was lachst du?" rief Steffen voll Zorn. „Hier ist kein Grund zu lachen. Nimm nur deine vier Kinder und trag sie ins Wasser, ich kann -sie nicht länger ernähren."

 

„Kannst du's nicht", sprach sie, „so kann ich's. Iß jetzt und trink, schöpfe Mut und schlaf den Kummer aus. Der morgige Tag wird Rat schaffen." Damit tischte sie ihm auf, was sie bereitet hatte, Fleisch und Gemüse und gebackenen Krapfen, und der arme Mann aß mit Sorge und dachte im stillen, dies möchte das letztemal sein, daß er seinen Magen mit so erquicklichen Dingen begrüßte.

Am nächsten Morgen aber hieß ihn sein Weib aufstehen und mit ihr gehen, und auch die Kinder standen schon ange­zogen und wußten nicht, wo das hinaussollte.

Der Morgen war lieblich, und die Lerchen sangen in der Luft.

Der Steifen meinte, das Weib wollte sich und ihn als Bauern-gesinde verdingen und schritt trübselig dahin. Wie sie nun an ein stattliches Gut kamen mit Haus und Scheunen und Feld und Wiese, zeigte er darauf hin und fragte:

„Ist es dies?"

„Ja", sagte sie, und ging vor ihm durchs Tor.

Er schritt zaghaft hinterher und scheute sich schon vor dem strengen Auge des Dienstherrn und den anderen Knechten. Als sie aber mitten im Hofe standen, da nahm ihn das Weib bei der Hand.

„Dies ist alles dein", sprach sie frohlockend. „Das Gut und der Stall und das reiche Land dazu, und du bist der Herr darauf, und ich bin die Frau."

Steifen glaubte, der Kummer hätte dem armen Weib den Verstand verrückt. Sie aber zog ihn zu sich auf eine Bank und hielt seine Hand und erzählte ihm, was ihr geschehen war, wie Rübezahl sie beschenkt und wie der Pfarrer für sie dieses schöne Gut gekauft hatte.

Der Steifen sperrte den Mund auf und glaubte, der Kopf sollte ihm springen über die Nachricht.

„Das alles ist wirklich und wahrhaftig unser?" rief er, und die Tränen drangen ihm aus den Augen.

 „Unser", sagte die Frau, „und nun komm, daß wir die Kühe besehen, und morgen fangen wir an mit dem Heuen."

Die Kinder aber sprangen in den Garten und schüttelten an den Bäumen, und ein weißes Lämmchen war an einen Pflock angebunden und meckerte. Des Glückes war kein Ende.

Steffen aber wurde ein tüchtiger Landwirt und hielt sein Weib in hohen Ehren und ward weit und breit gerühmt als ein guter Herr und ein Wohltäter aller Armen.

Rübezahl aber hat seit dieser Zeit nichts mehr von sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück und fand genug Arbeit darin, die Feuerströme in wohltätige Bah­nen 2u lenken, die Erze zu prüfen und in edles Metall zu ver­wandeln und vor allem die Schar seiner Gnomen wieder in Zucht zu bringen. Sie waren während seines langen Aufent­halts an der Oberwelt schon ordentlich außer Rand und Band geraten.

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