GOERLITZ-ALBUM

Wie Rübezahl Geld auslieh

Der zornige Gnom verließ die Oberwelt mit dem Entschluss, nie wieder das Tageslicht zu schauen. Aber die wohltätige Zeit verwischte die Spuren seines Grams. Neunhundert Jahre waren seit der Entführung der schönen Emma verflossen, da befiel eines Tages grimmige Langeweile den gestrengen Geist, und sein Hofnarr in der Unterwelt, ein lustiger Kobold, wagte den Vorschlag, die Oberwelt einmal wieder in Augenschein zu nehmen.

 

Der Gnomenfürst griff den Gedanken sogleich mit Wohl­gefallen auf, und schon eine Minute später war die weite Reise vollbracht. Er befand sich auf dem Fleck, den einstmals das Marmorbecken der schönen Prinzessin geschmückt hatte, und mit neuer Gewalt drang die Erinnerung an ihr liebliches Bild auf ihn ein. Aber der Gedanke erregte Bitterkeit und Groll mit alter Kraft in seinem Herzen. Er ballte die Faust und rief mit zornvollem Blick über die fernen Türme und Dächer im Tale: „Unseliges Erdengewürm, treibst du noch

dein Wesen? Hast mich durch Tücke und Ränke trefflich geäfft, jetzt zahl' ich's dir zurück! Ich will dich hetzen und plagen, dass dir die Knie sinken sollen und deine Hände sich um Gnade erheben zum Herrn und Geist der Berge."

 

Und nun begann ein böses Wesen im Gebirge. Der Geist trieb sich auf Wegen und Stegen umher in mannigfacher Ge­stalt, als Bettler, als Handelsmann, als Arzt oder auch unsicht­bar, und wen er traf, der spürte bald, mit wem der böse Zufall ihn zusammengeführt. Oft gesellte er sich zu einem einsamen Wanderer als Geleitsmann, führte ihn unvermerkt in die Irre und ließ ihn plötzlich am Abgrund stehen, von wo der Ärmste weder vorwärts- noch zurückfand. Mit gellendem Gelächter schwand er dann im Nebel hin. Oder er entsetzte die furcht­samen Marktweiber durch grässliche Gestalten ungeheurer Tiere, lahmte dem vorüberziehenden Reiter das Roß, zerbrach den Fuhrleuten jählings ein Rad am Wagen und ließ vor ihren Augen ein gewaltiges Felsstück in den Hohlweg rollen, das sie mit unendlicher Mühe beiseiteräumen mußten, um sich freie Bahn zu schaffen. Ergingen sich dann die Unvorsichtigen in unwilligen Reden gegen den tückischen Rübezahl, so brach gewiss ein Hornissenheer aus den Büschen und zerstach ihnen Gesicht und Hände, oder ein Steinhagel prasselte herunter, oder gar eine Tracht Prügel ward ihnen von unsichtbarer Hand nachdrücklichst und wohlgezählt verabreicht.

 

Doch gab es auch Zeiten, da die Wut des grimmigen Gei­stes sich legte und aus dem düsteren Herzen Sanftheit und Güte zum Vorschein kamen.

Einem Bauer in Reichenberg hatte sein böser Nachbar Hab und Gut abprozessiert, und nachdem das Gericht ihm die letzte Kuh gepfändet hatte, blieb ihm nichts übrig als die leere Stube und darin ein weinendes Weib und sechs hungrige Kinder.

 

Es schnitt ihm ins Herz, das Elend mitanzusehen, und er sprach zur Frau:

 

„Wenn wir nur hundert Taler hätten, wollt' ich mich wohl vermessen, mit meiner Hände Arbeit den Wohlstand des Hau­ses wieder zurückzuerwerben. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges. Ich will hin, ihnen das Unglück vorstellen. Vielleicht helfen sie. Es ist unsere letzte Rettung."

 

Die arme Frau willigte ein, obwohl die Hoffnung nur schwach in ihr glimmte, gab dem Manne die letzte Brotrinde als Wegzehrung und ihr Gebet als Begleitsegen mit und ließ ihn schweren Herzens ziehen. Müde und matt kam der Mann am Abend im Dorf der reichen Vettern an. Aber da fand er schlimmen Empfang. Niemand wollte ihn kennen oder gar für die Nacht aufnehmen.

 

„Wie du's treibst, so geht's", höhnten sie und schlugen ihm die Tür vor der Nase zu. Der arme Mann schlich jammervoll zum Dorf hinaus. Seine Hoffnung war dahin. Das Elend lag vor ihm.

 

Wie er übers Gebirge zurückwankte und schon mit Ent­setzen an die hungrigen Mäuler daheim dachte, kam ihm ein abenteuerlicher Gedanke. Er erinnerte sich aller Geschichten, die vom bösen Berggeist erzählt worden waren; es fuhr ihm ein Schauder durch den Leib, und doch dachte e?, die Men­schen lassen mich im Stich, schlimmer als sie kann's auch der Geist nicht treiben. Ich will ihm mein Anliegen vortragen, mag er mich dann steinigen oder erschlagen, es ist jetzt alles eins.

Er erhob also tapfer die Stimme und schrie zu drei Malen: „Rübezahl!"

 

Sogleich erschien eine furchtbare Gestalt, mit fuchsrotem Bart, eine Schürstange in der Hand.

„Hört mich an, edler Herr", schrie der arme Veit, „dann tut, was Ihr wollt."

 

Der Geist erstaunte über die Rede. Das kummervolle Ge­sicht des Mannes entwaffnete seinen Zorn; er ließ die Stange sinken und wartete wortlos ab, was der Mann vorzubringen hatte.

 

„Herr", sprach Veit, „die Not treibt mich. Leiht mir hun­dert Taler auf drei Jahre! Ich bringe sie Euch mit Zinseszinsen zurück, so währ ich ehrlich bin."

„Tor!" rief der Geist, „bin ich ein Wucherer? Geh zu dei­nen Menschenbrüdern und borge da!"

„Mit der Menschenbrüderschaft ist's aus", sprach Veit. Und er fing an zu erzählen und schilderte ihm sein Elend, und was er mit den Vettern erlebt hatte, so rührend, daß der Gnom eine Weile nachdenklich schwieg.

„Folge mir!" sagte er dann kurz und wandte sich um.

Eine finstere Höle tat sich auf, und dem armen Veit rann ein Schauer nach dem anderen durchs Herz. Sie tappten eine Zeit lang im Dunkeln hin, dann erhellte sich die Kluft zu einem Saal, ein Flämmchen brannte über einem Kessel, und in dem Kessel lagen harte Taler zu Tausenden und aber Tausenden.           

 

Dem Veit hüpfte bei dem Anblick das Herz.

„Nimm, was du brauchst", sprach der Geist, „und stelle mir den Schuldbrief aus."

Veit nahm getreulich hundert Taler aus dem Kessel und keinen mehr, obwohl der Geist nicht achtzugeben schien, stellte den Schuldbrief aus und: dankte dem Geber glühenden Her­zens. Dann nahm er Abschied, und Rübezahl geleitete ihn zum Felsenspalt zurück.

 

„Vergiß nicht, dass du mein Schuldner bist!" sprach er. „Ich bin ein strenger Gläubiger. Sobald das dritte Jahr ver­flossen .ist, begehre ich die Schuld zurück."

Der ehrliche Veit versprach's mit Handschlag und schied leichten Herzens.

Der lange Weg verflog von nun an mit heiterer Schnelle, und schon vor Abend des zweiten Tages überschritt er lachen­den Sinnes die Schwelle.

Die Kinder sprangen ihm schreiend entgegen. Sie hatten seit der Frühe nichts bekommen. Das Weib saß im Winkel am kalten Herd und weinte. Sie hoffte nichts und wagte nicht, den Kopf zu heben, als der Mann die Schwelle überschritt. Er bot ihr freundlich die Hand, hieß sie aufstehen und Feuer machen. Dann holte er Grütze und Hirse aus dem Ränzel, und die Hausfrau mußte daraus einen Brei kochen, so steif, daß der Löffel darin stand. Nachher gab er ihr Bericht.

„Deine Vettern", sprach er, „sind gute Leute, sie haben mich freundlich angehört und bare hundert Taler vorgeschossen."

 

Das war dem Weib wie ein Lichtstrahl ins Herz. „Wären wir nur gleich in die rechte Schmiede gegangen", sagte sie, und sie rühmte, ihre Vettern und tat gar s.tolz mit der Ver­wandtschaft. Der Mann ließ ihr die Freude und schwieg dazu. „Laß uns nun recht den Segen gebrauchen", sprach er, „damit wir in drei Jahren yorschuß und Zinsen zurückzahlen können, wie sich's gebührt."

Darauf kaufte er Acker und Pferd und bald noch einen Acker und noch einen. Es war, als läge ein verborgener Segen auf Rübezahls Gelde. Veit säte und erntete, und was er an­griff, gelang und trug dreifache Frucht. Schon galt er im Dorfe für einen wohlhabenden Mann und dachte im dritten Sommer gar daran, ein kleines Herrengut zu pachten, das reichen Ertrag brachte.

Inzwischen kam der Zahlungstag heran, und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte.   .

Des Morgens wachte er früh auf, weckte das Weib, hieß sie alle Kinder waschen und putzen, auch selbst den Sonntags­staat anlegen. Er selbst holte seinen besten Rock und rief zum Fenster hinaus: „Hans, spann an!"

 

„Mann", sprach die Frau, ,jWas hast du vor? Heute ist Werktag und keine Kirchweih. Wo gedenkst du uns hinzu­führen?" Er antwortete: „Ich will heute die reichen Vettern heimsuchen und Geld und Zinseszins getreulich bezahlen, denn heute ist Zahltag."

Das gefiel der Frau wohl, und sie putzte sich und die Kin­der stattlich heraus, damit die Vettern sich der Verwandt­schaft nicht zu schämen hätten.

Bald saßen sie hoch auf dem Wägelchen und trabten munter hin, dem Gebirge zu.

Vor einem steilen Hohlweg ließ Veit anhalten, stieg mit den Seinen aus und gebot dem Knecht, zu warten. Er selbst führte die Seinen ins Gebüsch, ein halb Stündlein entfernt, und sprach zu ihnen:

„Du wähnst, liebes Weib, dass wir zu deinen Leuten ziehen. Aber dahin steht mein Sinn nicht. Deine Vettern sind Knauser und Schurken, die mich gehöhnt und von sich gestoßen haben. Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unseren Wohlstand verdanken! Weißt du, wie er heißt? Rübezahl!"

Das Weib entsetzte sich, und die Kinder fingen an zu wei­nen. Aber Veit erzählte nun ausführlich sein Abenteuer, wie der Geist ihm als Köhler erschienen war, und er schilderte seine Mildtätigkeit mit so inniger Rührung, dass ihm die Tränen die Backen hinabliefen.

 

„Wartet hier", sprach er, „ich will nun zurückzahlen, was ich schuldig bin; fürchtet nichts! Der, zu dem ich gehe, ist besser, als Menschen sind."

Damit verschwand er im Gebüsch, soviel die Frau auch jammern mochte, und gelangte vor den wohlbekannten Felsen, Er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte damit, so laut er konnte, und rief:

„Geist des Berges, nimm hin, was dein ist!" .

Aber der Geist ließ sich nicht sehen. Nur die Bäume rauschten einsam über dem Rufer. Traurig und missmutig stand er da. Schließlich kam ihm der Gedanke:

Ich will ihn bei seinem Spottnamen rufen. Dann kommt er gewiss aus Zorn. Mag er mich zerbläuen! Wenn er nur kommt und das Seine in Empfang nimmt. — Und so laut er konnte, schrie er nun herzhaft den Namen Rübezahl und nochmals und immer wieder. Aber keine Antwort kam. Dem braven Veit blieb nichts übrig als umzukehren.

Die Seinen empfingen ihn frohgemut. Er aber schritt traurig und nachdenklich vor sich hin.

Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen. Ein Wind trieb welkes Laub über den Weg, und der jüngste Sohn lief danach und haschte es. Weil aber auch ein Bogen weißen Papiers darunter war, hob er ihn auf und brachte ihn dem Vater. Als der ihn aufschlug und besah, da war es der Schuldschein, den er dem Berggeist ausgestellt hatte. Er war von oben her zerrissen, und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt.

Veit stand wie angewurzelt. Rührung überfiel ihn, und er sprach mit freudigem Entzücken:

„Freue dich, liebes Weib, und ihr Kinder, freut euch! Er hat uns gesehen, er hat unseren Dank gehört, unser guter Wohl­täter. Ich bin meiner Schuld ledig. Nun laßt uns frohen Her­zens heimkehren!"

Da war ein großes Freuen und Gejauchze unter den Kindern.

Veit aber drückte still die Hand des Weibes, und schwei­gend gingen sie so zum Wägelchen zurück und fuhren heim­wärts, wie sie gekommen waren.

Veit aber nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein rechtlicher, wohlbestellter Mann sein Leben lang.

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