GOERLITZ-ALBUM

Wie aus dem görlitzer Schuster - ein berühmter Prophet wurde

Es haben sich die Gelehrten in ihren Büchern und Schriften gestritten und die Köpfe zerbrochen, wie aus einem armen Hirtenknaben und einfältigen Schuster -    J a k o b   B ö h m e  zu  G ö r l i t z - hat ein so erleuchteter Weiser, weltberühmter Skribent und schier prophetischer Gottesmann werden können. Habens alle nicht ergründet, aber das einfältige Volk in Görlitz und Umgegend, das seine Schriften nie gelesen, weiß dennoch wohl, wie es zugegangen, und erzählt es weiter von Kind zu Kindeskind.

I.

Zum Ersten: Als Jakob Böhme noch ein kleiner Knabe war und das Vieh hütete, kam er auch eines Tages mit seinen Kühen auf die Landeskrone, wo der große Schatz begraben liegt. Es war um die Mittagsstunde, und Jakob ging ganz in Gedanken am Berge hin. Da öffnete sich plötzlich vor ihm der Berg, und er sah ein Tor von schönem rotem Gemäuer, und aus dem dunklen Gewölbe funkelte es ihm entgegen wie lauter Gold und Silber. Er erschrak aber so sehr darüber, dass er eiligst zurückging, ohne die Herrlichkeiten zu berühren. Als er später mit anderen Knaben den Berg erstieg, konnte er den Eingang nimmer finden. - Das ist das erste Zeichen, das seinen geistlichen Eingang in die verborgene Schatzkammer der göttlichen und natürlichen Geheimnisse bedeutet.

 

II.

Zum andern: Als ihn sein Vater bei einem Schuhmacher in Seidenberg in die Lehre gegeben hatte, ist eines Tages ein fremder und ihm ganz unbekannter, auch schlicht gekleideter, doch feiner und ehrbarer Mann vor den Laden gekommen, darinnen Jakob in des Meisters Abwesenheit mutterseelenallein gesessen hat. Dieser Fremde hat ein Paar Schuhe zu kaufen begehrt. Der Lehrling hat sich aber nicht getraut, den Handel allein abzuschließen, und als der Fremde darauf bestand, hat er, um ihn abzuschrecken, einen übermäßig hohen Preis verlangt. Aber der Fremde

gab ihm ruhig und ohne Widerrede das Geld, nahm die Schuhe und ging fort.  Aber nicht weit vom Laden stand er still und rief mit lauter und ernster Stimme: »Jakob, komm heraus!« Jakob erschrak, wie ihn der Fremde bei seinem Taufnamen nannte, stand aber auf und ging zu ihm auf die Gasse. Ernst, aber freundlich und mit lichtfunkelnden Augen schaute ihm der Mann ins Angesicht, fasste ihn bei der rechten Hand, sah ihm fest in die Augen und sprach zu ihm: »Jakob, du bist klein, aber du wirst ein großer Mann werden, und es wird eine völlige Veränderung mit dir vorgehen, dass sich die Welt über dich verwundern wird. Du wirst viel Not, Armut und Verfolgung leiden; aber sei getrost, und fürchte dich nicht; fürchte aber Gott, und ehre sein Wort, und bleibe beständig in allen Dingen; denn du bist Gott lieb, und er ist dir gnädig.« Darauf hat ihm der Mann die Hand gedrückt, wiederum fest in die Augen gesehen und ist seines Weges fürbass gegangen» Jakob aber hat seine Worte wohl in acht genommen, der Weissagung in aller Einfalt und Demut geglaubt und das Bild des Fremden nimmer aus seinem Gedächtnis verloren.

 

III.

Zum Dritten: Im Jahre 1600, im fünfundzwanzigsten Jahre seines Alters, als Jakob schon mehr mit geistlichen Dingen denn mit Handwerksgeschäften sich befasset und immer sein fleißig in der Schrift geforschet, da ist er eines Tages beim jählichen Anblick eines zinnernen Gefäßes, darein er sich mit seinen Augen versenket, vom göttlichen Licht ergriffen worden, also dass der lieblich jovialische Schein ihm in sein Inneres gedrungen und ihn hat blicken lassen bis zu dem innersten Grunde oder Zentro der geheimen Natur. Aber Jakob hat es für eine Phantasie gehalten und hat sich's wollen aus dem Gemüt schlagen, geht zum Hause hinaus auf die Gassen und ins freie Feld über die grünen Wiesen vorm Neißtore zu Görlitz. Aber das Gesicht ist nicht von ihm gewichen, und er hat's je länger, desto Klarer empfunden, und wo er hingeschaut, da hat er Tieren und Bäumen, Gräsern und Steinen so recht in ihr innerstes Herz und Wesen zu schauen vermocht, also dass ihm von Stund an die ganze Welt verändert worden und die Natur gewesen ist wie ein geheimnisvolles, doch verständliches Buch, darinnen er allein hat lesen dürfen. - Und also ward der Schuster ein Prophet.

 

Anmerkung:

Die Sagen um Jakob Böhme sind reine Erfindung und aus seiner Lebensgeschichte nirgends als Erlebnisse zu belegen.

 

Zu III letzter Satz: Diese schauende Erkenntnis des Alls, weltoffen und weltfreundlich, sieht im Kosmos der Gottheit lebendiges Kleid, liest die Schrift Gottes in der Natur. Im Menschen kommt nun die Gesamtwelt zum Selbstbewusstsein. Ein Wort Böhmes sei hier angefügt: »Es ist Himmel, Erde, Sterne und Elemente alle« im Menschen, dazu die Dreizahl der Gottheit, und kann nichts genannt werden, das nicht im Menschen wäre.« Felix Voigt in seinen Beiträgen zum Verständnis Jakob Böhmes«, 1924, grenzt den Theosophen Jahob Böhme mit solchen Zitaten deutlich ab von den früheren Mystikern wie Ekkehard und Mechthild von Magdeburg. für die Natur und Welt nicht vorhanden oder einflusslos sind, die ihre Sinne abschließen, bis ein großes Nichts in ihnen fei, damit Gott allein danach in ihnen »sich gebäre« und der mystische gesammelte Mensch »sich vergotte«. Böhme im Zeitalter des Paracelsus und Galileis sah dagegen aufgeschlossen in einem neuen Weltgefühl die Weltwirklichkeit und in ihr eine Offenbarung Gottes und zugleich die Menge der in der Materie tätigen lebendigen Kräfte. »Gott und sein Kleid, die Natur, wird erfasst als ein Spiel lebendiger Kräfte. Das ist eine Stellungnahme Böhmes, die ihn weit wegrückt von den religiös-moralischen Tendenzen des Luthertums. Die Materie wird nicht mehr negiert, ihre Unendlichkeit und Unerfasslichkeit aber wohl erkannt. Diese Gedanken, die die wahre Realität als ein Ausströmen aus der Urrealität in Gottes Geiste erfassen, sind der Menschheit durch Jakob Böhme zum minderten neu gewonnen worden.« (Voigt, Neues Lausitzer Magazin, Band 100, einzusehen in der Görlitzer Stadtbücherei, Jochmannstraße, Lesesaal - 1954)

 

In dem Bande »Deutschland« der Großen Sowjet-Enzyhlopädie, 2. Auflage 1953 (Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin), finden wir über Jacob Böhme folgende beachtlichen Ausführungen (S. 275): »Im Gegensatz zu den fortschrittlichen Philosophen in anderen europäischen Ländern, die den Materialismus verteidigten, huldigen die meisten deutschen Philosophen des 17. und 18. Jh. idealistischen Anschauungen. Jacob Böhme (1575-1624) entwickelte eine pantheistische und mystische Philosophie, die einzelne dialektische Mutmaßungen über die widerspruchsvolle Entwicklung der Welt und aller Dinge enthielt. Böhme meinte, die Entwicklung der Welt sei das Resultat des Widerspruchs von Gut und Böse, von Licht und Finsternis, und Gott stelle nicht nur den Urgrund des Guten, sondern auch des Bösen dar. Diese seine Behauptungen erschütterten die Kanons der Kirche und waren eine Form des ideologischen Protestes des aufstrebenden Kleinbürgertums gegen den Feudalismus. Die katholische Kirche verfolgte Böhme und verbot ihm Jede literarische Tätigkeit. Späterhin unterschlug die reaktionäre Philosophie alles Fortschrittliche bei Böhme und verherrlichte seinen Mystizismus.

 

Aufgeschrieben 1954 Eberhard Wolfgang Giese aus Görlitz

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