GOERLITZ-ALBUM

SAGEN VOM OBERMARKT

weitere Bilder am Ende der Sage

Der alte "Reichenbacher" wackelt

Theatervorplatz mit Blick auf den Reichenbacher Turm

Wer im Klaufenbuch des Reichenbacher Turmes herumblättert, findet eine seltsame Eintragung, nicht mit Tinte, Farbe, Bleistift oder gar Blut geschrieben, wie der   Nachtschmied schrieb, als er feine Seele verpfändete. Nein, es fällt ihm eine Silberplatte Ins Auge, in die ein sonderlicher Geschehnis mit scharfen Strichen eingeritzt ist. Ein Lehrling der Silberwarenwerkstatt Jahnsmüller u. Schroda in der Dr.-Friedrichs-Straße zu Görlitz hat Mund, Augen und Ohren aufgesperrt, als er mit Meister und Gehilfen im Juni 1950 den Turm erstieg und der Türmer, wie es so seine Art war, wieder einmal ins Fabulieren kam. Er hatte dann erzählt, wie der Turm vom Zahn der Zeit benagt so brüchig und wackelig geworden war, dass man ernstlich fürchtete, er könnte eines Tages sich lang auf den jetzigen Obermarkt legen oder etwa gar das frühere Reichenbacher Tor und damit den Zugang zur Altstadt sperren. Von der Wiederbefestigung des Turmes hatte der Türmer in alten technischen Einzelheiten ausführlich berichtet.

 

Ein breiter Riss zackte bereits wie eine Blitzbahn an der Südseite des Turmes vom Wehrgang bis fast auf die Straße hinunter, und ein schweres Stück eines tragenden Konsolsteines war eines Tages aus 20 Meter Höhe auf die Straße gedonnert. Zum Glück war kein Mensch verletzt worden; aber die Stadtväter berieten, wie sie den Turm vor gänzlichem Verfall und die Bürger vor schwerem Schaden an Leib und Leben zu schützen vermöchten. Sie holten in dieser Not sofort das städtische »Mädchen für alles«, die Feuerwehr, heran, und Feuerwehrleute und Baumeister der Stadt erkletterten die riesige Feuerwehrschiebeleiter und stellten einwandfrei fest, dass noch andere größere Konsolsteine des Wehrgangs gefährliche tief gehende Risse aufwiesen, so dass diese schweren Brocken über kurz oder lang abzustürzen drohten.   Der besorgte Rat der Stadt ordnete sofort alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen an.

Die Straßen um den Reichenbacher Turm herum wurden zur Hälfte gesperrt.

Die Straßenbahn dürfte den Obermarkt nicht mehr durchfahren, so dass selbst die Ratsherren nicht mehr vor der Rathaustür auf dem Untermarkt ab- und aufsteigen konnten, sondern zu Fuß gehen mussten.


Ein ständiger Schutzmannsposten wurde vor dem Turm aufgestellt. Der
mit einem roten Fähnchen zu winken hatte, um die schweren Lastkraftwagenzüge zum Langsamfahren um den Turm herum zu veranlassen. Erst wollte man allen weiteren Erschütterungen mit einer federnden Asphaltdecke abhelfen, aber man sah davon ab. Der Turm wurde    eingerüstet. Der Rat versicherte sich zweier angesehener Hochschulprofessoren, deren Namen zu merken sind, des Ordentlichen Professors für Baustatik an der Technischen Hochschule in Breslau Dr. lng. Mann und des Pro­fessors Dr. lng. Rüth von der Technischen Hochschule in Dresden. Sie verordneten, wie es berühmter Professoren Art, tief greifende  Opera­tionen die auch gewissenhaft durchgeführt wurden. Eine schwere Ankerlage aus 50 Millimeter starkem Rundstahl mit Spannschlössern war in 6 und in 15 Meter Höhe einzubauen um den Turm kraftvoll und eisenfest zu umgürten. Der Türmer meinte der Turm sollte ein „Korsett“ bekommen.            .

Eine starke Stahlbetonversteifungsdecke mit Stahlankern und Trägern war einzuziehen, und zum Schluss - ein überaus kühnes und beinahe fantastisches Unterfangen - die Turmfundamente also seine erstaunlicherweise nur 1 bis 1,20 Meter tief gehenden Grundmauern, sollten verbreitert und mit einer Stahlbetonumschnürung versehen werden. Das bedeutete, dass der ganze 50 Meter hohe Wehrturm auf einen Stahlbetonkranz gestellt werden musste, auf eine neue felsenfeste, nein, härter als felsige Grundlage; denn gerade der gewachsene Fels war erschüttert und brüchig geworden! –

 

Die Görlitzer ließen sich nicht schrecken; hurtig ging das Stadtbauamt ans Werk. Dass sämtliche Wasserrohre in der Nähe des Turmes entfernt oder um­gelegt werden mussten, um das stolze Bauwerk fernerhin nicht durch Rohrbrüche zu gefährden, war selbstverständlich. Dazu kam ein beinahe luftiges modernes bautechnisches Verfahren:  Sämtliche Risse im Mauerwerk des Turmes waren innen und außen mit flüssigem Zementbrei nach besonderem Patent mit Pressluftapparatur bei hohem Druck auszuspritzen.

 

Nach genau festgelegtem Plan wurde in Etappen vorgegangen. Mit größter Verantwortung, oft auf Geraden in schwindelnder Höhe arbeitend wurde diese schwierige, völlig neuartige Aufgabe gelöst. Mit glühendem Eifer und innerem Anteil waren alle dabei. Vom schlichten Bauarbeiter, dem Maurer und Zimmerer bis zum Polier und Bauleiter bis zum Bauwissenschaftler, fühlten sich alle in vorbildlicher           Baugemeinschaft miteinander verbunden. Und als alle diese Werkschaffenden beim Richtfest im nahen „Rautenkranz“ beieinander saßen, kam die enge Verbundenheit und der Stolz auf das wohlgelungene Werk in heller Freude zum Ausdruck.

 

 

Nun zeigte sich der stolze Turm, im Inneren und Äußeren gefestigt und auf gesunden Fundamente stehend, in alter Schönheit seinen Görlitzern wieder!          

 

Somit hatte der Türmer wahrheitsgemäß und zum Teil wörtlich aus der Baubeschreibung der städtischen Bauverwaltung berichtet, als der im Anfang genannte Silberschmiedlehrling - von dem Gehörten noch ein wenig benommen - mit gutem Recht fragte, wie man es denn angestellt hatte, dass die Bauhandwerker unter dem Turm eine solche massige Stahlbetonplatte oder auch einen „Stahlbetonkranz“ bauen konnten; das könne er sich einfach nicht vorstellen.

 

Darauf hatte der Türmer mit stillem Schmunzeln geantwortet: „Nun, das war sehr einfach! Da haben wir halt den Berggeist angerufen, der gerade um die Landeskrone rumorte, und der hat den Turm frei weg ein Stück in die Höhe gehoben und so lange festgehalten, bis die Maurer in aller Ruhe und Sorgfalt ihre Arbeit verrichtet hatten. Dann hat er den Turm wieder behutsam auf seine Unterlage gesetzt.“

Und diesen Scherz hat nun der Lehrling auf seine kleine Silberplatte geritzt und damit festgehalten.

In 100 Jahren aber wird sich - wir werden uns wieder sprechen - aus dieser gefälligen Spielerei der wahre Tatbestand von der Neubefestigung des Turmes als seine wunderbare Wiedergeburt zur Sage gewandelt haben; denn der Glaube des Volkes an die Hilfsbereitschaft der alten Waldschrats in allen Nöten des Leibes und der Seele ist noch heute überall in der Lausitz lebendig.

Ähnlich mögen manche der Görlitzer Sagen entstanden sein. Sicherlich lag ihnen allen eine wahre Begebenheit zugrunde, die wir oft nicht mehr kennen oder nur vermuten. Sie soll, wo sie nicht zu weit vom Sagenhaften abführt, getreulich angefügt werden, ohne der Dichtung ihren poetischen Schimmer zu rauben.    E.W.G.

Der Reichenbacher neben dem Humbildthaus gesehen vom Busbahnhof am Demianiplatz
Hinter den Wappen verbirgt sich eine Verankerung
historisches Wappen
Bitte unten auf die Bilder klicken

Hier könnt ihr die Seite durch

keine Werbung

No advertising

Nessuna pubblicità

Sin publicidad

Rübezahl zählt die Besucher

seit dem 29.01.2009



counter

VERANSTALTUNGEN

 

 

 

 

 

5. – 7. August 2010,

16. Internationales

Straßentheater ViaThea

 

 

 

 

 

27. - 29. August 2010,

16. Altstadtfest Görlitz            

und Jakuby-Fest

Zgorzelec

 

 

 

 

 

10.–12. September 2010,

Patrimonium Gorlicense

und Tag des

offenen Denkmals