Kapelle auf der Galgengasse
Als Herr George Emmerich aus dem Heiligen Lande zurückkehrte und nach Dresden kam, sandte er don dort zwei Diener voraus, die feine Ankunft in Görlitz melden und seinen Empfang vorbereiten sollten. Einer der Diener aber war ein böser Kerl und fing mit dem andern, der viele Kostbarkeiten seines Herrn (Ringe, goldene Ketten, Schmucksachen u. dergl.) bei sich hatte, unterwegs Händel an. Allein dieser war sehr viel stärker als er, und so kam es, dass der Angreifer schließlich fliehen musste. Er ritt nun eilends nach Görlitz, wo er sich am Tore das Gesicht und die Hände zerkratzte und mit dem Blute beschmierte, so dass er aussah, als sei er unter die Mörder gefallen. In dieser Aufmachung ging er aufs Rathaus, wo er angab, sein Gefährte, der andere Diener, habe unterwegs seinen Herrn, den George E m m e r i ch , erschlagen, und weil er den Herrn verteidigt, habe ihn jener andere so blutig geschlagen, dass er für tot hingefallen sei. Er sei indes wieder zu sich gekommen und auf Umwegen schnell zur Stadt hereingeritten, damit jener nicht entfliehen könne. Da sandte der Rat dem andern Knecht Scharwächter entgegen, die ihn unterwegs gefangen nahmen und nach Görlitz führten. Vor Gericht gestellt, konnte er sich über den Besitz der bei ihm gefundenen Kostbarkeiten feinem Ankläger gegenüber nicht gut rechtfertigen. Man machte also wenig Umstände mit ihm, verurteilte ihn zum Tode, und schon am anderen Tage führte man ihn unter großem Volksauflauf hinaus vors Nikolaitor auf den Richtplatz. Unterdessen war aber auch Herr Emmerich in die Nähe von Görlitz gekommen, und als er auf der Höhe hinter Reichenbach angelangt war, hörte er plötzlich Glockengeläute. Auf seine Frage an Leute, die ihm aus der Stadt entgegenkamen, erfuhr er, man führe soeben seinen Knecht als seinen angeblichen Mörder zum Galgen. Da stieß er seinem Pferde die Sporen in die Seiten uns jagte in fieberhafter Hast der Stadt zu. An der Stelle aber, wo jetzt die Kapelle steht, brach das halb tot gejagte Pferd unter ihm zusammen, allein einige Vorübergehende hatten in ihm den tot geglaubten Emmerich wiedererkannt, und noch in letzter Stunde gelangte die Nachricht, dass er wieder da sei, zu dem traurigen Zuge. Kaum hatte man die Wahrheit erfahren, so musste der falsche Ankläger die Stelle des unschuldig Verurteilten einnehmen, und nach wenigen Augenblicken hing er an demselben Galgen, der für den getreuen Knecht bestimmt gewesen war. Emmerich aber ließ eine Kapelle an der Stelle errichten, wo ihm das Pferd zusammengestürzt war, die Begebenheit selbst aber auf Leinwand abmalen und das Bild in der Klosterkirche aufhängen, von wo es indes schon im vorigen Jahrhundert weggekommen ist.
