Gobius und der Leichenwagen
Peterstraße 13
Bilder der Gruft von Gobius nach der Sage
Zu gewissen Zeiten fährt um die Mitternachtsstunde ein schwarz behangener Leichenwagen durch die Straßen von Görlitz. Schwarze Pferde ohne Köpfe ziehen ihn, und schwarzgekleidete Männer, die ihren Kopf unter dem Arm tragen, begleiten ihn. Die nächtliche Fahrt beginnt an der Jakobskirche, geht durch das Frauentor, die Steinstraße, Nonnenstraße, Brüderstraße und Peterstraße bis an das ehemals Gobiussche, später Hustesche Haus, von da wieder zurück durch die Langenstraße und Breite Straße zum Reichenbacher Tor hinaus, den Grünen Graben entlang, auf den Nikolaifriedhof, wo der Spuk bei der Gobiusschen Gruft verschwindet. Viele Menschen haben noch in der neuesten Zeit den Leichenwagen fahren hören, denn er macht ein großes, eigentümliches, dumpfes Gerassel auf dem Straßenpflaster. Wenn einer zum Fenster hinausgeschaut in der Meinung, es sei ein gewöhnlicher, natürlicher Wagen, der durch die Straßen rollt, so hat er den Leichenzug immer um die Straßenecke herumbiegen und im Augenblick verschwinden sehen, so dass er nichts genau hat unterscheiden können. Und dann ist er noch glücklich: denn wer ihn bei sich vorbeiziehen sieht und ihn deutlich erblickt, der muss noch im gleichen Jahre sterben.
Viele wollen auch jenen Gobius in der äußeren Heiligen-Grab-Straße gesehen haben. Auf der Höhe des Weges, wo ein steinernes Kreuz steht, fährt er mitternachts dreimal im Kreise herum. Er sitzt in einer schwarzen Kutsche mit vier schwarzen Pferden und hat den Kopf unterm Arm. Als dieser Gobius begraben wurde, soll er leibhaftig in seinem Hause in der Peterstraße zum Fenster herausgesehen und dem Leichenzuge zugeschaut haben. An dem Fenster, so glauben noch heute viele Leute, ist das Bildnis des verstorbenen Gobius eingemauert und darf nicht herausgenommen werden, denn er leidet keine Ortsveränderung.
An seiner Gruft auf dem alten Nikolaifriedhofe ist ein eisernes Gitter. An dem fehlt ein Ring, und kein Schmied kann ihn so fest daran machen, dass er nicht in der nächsten Nacht wieder abspränge. (An dieser Stelle vermischt sich die Sage mit der vom Nachtschmied.)
Einst spielten Knaben auf dem Kirchhofe in der Nähe der Gruft. Einer lief an das Gitter und rief vorwitzig: »Gobsch, Gobsch, komm heraus!« Da erhielt er plötzlich von unsichtbarer Hand eine dröhnende Ohrfeige,. dass er heulend und schreiend mit seinen Kameraden das Weite suchte.
Anmerkung:
Bürgermeister Gregor Gobius (geb. 1588, gest. 1658) war ein Alchimist, d. i. ein Mann, der mittels geheimnisvoller chemischer Arbeiten unedle oder geringere Metalle in edlere (Gold usw.) zu verwandeln suchte. Er kam deshalb schon bei Lebzeiten in üblen Geruch. Dazu kam sein auffallendes Äußere und sein geheimnisvolles Benehmen. So trug er stets einen roten Rock und eine ungeheure Perücke. Als seine Frau gestorben war, balsamierte er sie eigenhändig ein. Ihr Leichnam, der in der von ihm erbauten Gruft liegt, zeigte sich bei einer vor einer Reihe von Jahren vorgenommenen Sargöffnung wohlerhalten, nur ganz braun und mumienartig. Diese Kunst lehrte er auch seinen Diener, damit dieser ihn nach seinem Tode ebenfalls einbalsamieren könne, was ihm aber weniger gut gelungen sein soll.
Gobiusgruft auf dem Nikolaifriedhof von Görlitz
Familienwappen Gobius
Innenraum Gobiusgruft
Nachtführung zu den Grüften auf dem Nikolaifriedhof - Gobiusgruft
