Georg Emmerich und das heilige Grab
m nordwestlichen Teil von Görlitz, an der Heiligen-Grab-Straße, befindet sich eines der merkwürdigsten Denkmäler mittelalterlicher Frömmigkeit, die berühmte und in der Tat in ihrer Anlage einzigartige Nachbildung des Heiligen Grabes zu Jerusalem in verkleinertem Maßstabe. Mit der Gründung dieses Heiligen Grabes hat es folgende Bewandtnis:
Im 15. Jahrhundert lebte in Görlitz ein Bürgermeister, George E m m e r i ch, ein rechtschaffener und gerechter Mann, der einen Sohn gleichen Namens besaß, Den er in allen ritterlichen Künsten erziehen und große Reisen machen ließ, um sich im Auslande zu bilden und sich auf sein künftiges Amt als Bürgermeister (es war nämlich ziemlich gewiss, dass er einst seinem Vater in seiner Würde folgen werde) vorzubereiten. Allein der junge Mann hatte in der Fremde sich auch ein ziemlich lockeres Leben angewöhnt. Nach seiner Heimkehr machte er sich keine Bedenken daraus, dies bei der Bürgerschaft Anstoß erregende Leben fortzuführen. So versprach er leichtfertig auch einer tugendhaften Jungfrau, namens Benigna Horschel, eines Tuchmachers Tochter, die Ehe. Allein der stolze Junker dachte nicht daran, eine Handwerkstochter in das Haus seines Vaters als Schwiegertochter zu bringen. Infolge seiner Weigerung brachen in Görlitz Unruhen aus, weil die sehr zahlreiche Tuchmacherzunft sich der Angelegenheit ihres Mitmeisters Horschel annahm und gleichzeitig der Hass der Bürgerschaft gegen die immer übermütiger werdenden Geschlechter aufflammte. Der junge Emmerich wurde genötigt, zur Buße seiner unsittlichen Handlungsweise eine Pilgerfahrt nach Jerusalem anzutreten. Das war nun aber eigentlich keine sehr harte Strafe für ihn, um so weniger, als eine sehr reiche und schöne Witwe aus Görlitz, Agnete Fingerin, ihm als Mönch verkleidet nachreiste und in dieser Verkleidung seine Reise mitmachte.
Emmerich ward in Jerusalem zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen und fasste hier bereits den Entschluss, in seiner Vaterstadt ein Heiliges Grab zu erbauen, weil die Lage des Heiligen Grabes und der übrigen heiligen Stätten in Jerusalem eine große Ähnlichkeit mit der eingangs erwähnten Gegend bei Görlitz habe. Als er nach Görlitz zurück gekehrt war, wählte ihn die Bürgerschaft, die seine früheren lockeren Streiche vergessen zu haben schien, im Jahre 1483 zum Bürgermeister, nachdem er inzwischen ein zweites Mal nach Jerusalem gereist und dort durch einen mitgenommenen Maler und einen Baumeister sich genaue Risse von dem Heiligen Grabe hatte anfertigen und dann nach seiner Rückkehr auch wirklich dieses merkwürdige Bauwerk hatte ausführen lassen, so wie es noch heute zu sehen ist. Es hat sehr viel Geld gekostet; aber Emmerich konnte es bezahlen. Er war so reich, dass ihn Luther den »Görlitzer König« zu nennen pflegte und das Volk ihn für einen Goldmacher hielt. Er besaß die Stadt Schönberg und siebzehn Dörfer um Görlitz, darunter viele Rittergüter. In der Stadt selbst gehörten ihm sieben Häuser.
Das Regiment der Stadt scheint er sehr strenge geführt zu haben, denn die Sage berichtet, er habe einmal einen Bürger hinrichten lassen, bloß weil er im umgekehrten Pelze zu seinem Weibe und seinen Kindern in die Badestube gegangen sei, um sich mit diesen einen Scherz zu machen. Auch wird erzählt, er habe seinen Gärtner wollen strangulieren lassen, weil er abgefallenes Obst gegessen habe.
Auch Agnete Fingerin machte eine Bußstiftung, die in regelmäßigen Brotlieferungen an die Armen bestand, welches Gebäck, Agnetenbrot genannt, bis zum Jahre 1563, wo man es abschaffte, hergestellt wurde. Die von George Emmerich herrührende Stiftung des Heiligen Grabes zu Görlitz hat seltsamerweise - doch steht nicht fest, auf welchem Teile des Gebäudes oder des Grundstückes - in dem ersten Jahrhundert ihres Bestehens als Begräbnisplatz für hingerichtete Verbrecher gedient. Es ist wohl möglich, dass diese Sitte zur Erinnerung an die Schächer am Kreuz aufgekommen ist, und wahrscheinlich, dass die Begräbnisstätte unter den die beiden Schächerkreuze versinnbildlichenden Linden zu suchen Ist. 1581 - also 100 Jahre nach der Grundsteinlegung der Kapelle - hat der Rat beschlossen, dass kein Enthaupteter mehr dort begraben werden sollte. Der nächste Gerichtete, ein Schneidergeselle Christoph Schubert, ist unter der üblichen Begleitung der Schülerkurrende auf dem Frauenkirchhof begraben worden.
