Die Satansgabel auf dem görlitzer Nikolaifriedhof
Der Böse, dem jüngst eine Seele entgangen,
Durchtobte die Hölle mit zornroten Wangen,
Stach die Verdammten in launischem Küren,
Ließ die Feuer der Kessel schüren,
Quälte sogar der Teufel Scharen,
Ale wär ein Narr in ihn gefahren,
Verzerrte grinsend den eigenen Schnabel,
Ließ rasen seine Krallen und Gabel.
Dabei ging seinen gespitzten Ohren
Kein Laut der Oberwelt verloren. –
So hörte er denn errichten ein Mal
Und musste daran zu seiner Qual
Das Bild des gekreuzigten Heilands erschaun,
Wie ein Görlitzer Meister es ausgehaun.
Verflucht! Dir sei der Tod geschworen!«
Rief's und wollte den Beßten durchbohren.
Satans Gabel durchstach die Gruft,
Gras und Kränze und Friedhofsluft,
Aber vor Jesu heil‘ger Gestalt
Glitt sie aus und fuhr mit Gewalt
In andre Teile des Mals hinein
Und kam nicht wieder hervor aus dem Stein.
So wild auch der Höllenfürst zerrte und fluchte
Und was er in maßlosem Grimme versuchte,
Die Gabel blieb in den Stein gebannt.
Man schaut sie noch heute in Males Wand.
Ewald Engelhardt
Anmerkung:
Das Denkmal, das durch die wuchtige Satansgabel gehalten, dem Wirbelsturm am 4. Juli 1951 widerstand, steht wenige Schritte halblinks oberhalb öder Rückseite des Jakob-Böhme-Males. Es ist ein formschöner bewegter Barockstein, der in der Mitte ein Kruzifix zeigt. Über den zwei Medaillons des Aufsatzes ruht ein Schädel. Die Namen von acht Familien nennt die eingeschlagene schöne Schrift. Außer den Daten der Familiengeschichte kündet der Stein von altem Handwerksbrauch, Lehr- und Wanderjahren, die Brücken schlugen von Land zu Land. Dicht vor diesem Denkmal steht ein klassizistischer Stein, den eine Urne krönt. Er meldet kurz: Ruhestätte Herrn Johann Janckes, Bürger und Handelsmann allhier, geb. zu Weißenberg am 23. Jan. 1718, gest. den 25. Jan. 1794 und Frauen Magdal, Frieder, geb. Wehle, geb. zu Weißenberg 22. May 1732, geft. 22. Jan. 1813. Es sind die Eltern des Pastor primarius Jancke (gestorben 1834), der sich um die Görlitzer Geschichte große Verdienste erwarb. Sein Vater besaß seit 1754 das Grundstück Brüdergasse 5 (Heimat 1930, S. 102/3).
