GOERLITZ-ALBUM

Die große Linde auf dem Nikolaifriedhof

Nikolaifriedhof Gehlergruft mit Möllerlinde rechts
Nikolaifriedhof Gehlergruft mit Möllerlinde

 

 

Weitere Bilder zum Nikolaifriedhof nach der Sage

1. Sage

Ehe wir den alten Nikolaifriedhof, der ja ein richtiger Kirchhof ist und dem evangelischen Parochialverbande Görlitz gehört, betreten, gewahren wir rechts an der Ecke der Kirchenmauer zwei grinsende Fratzen. Was bedeuten sie? Hat sie der Steinmetz nur aus Lust am Bildhauern aus dem Stein herausgemeißelt? Hat er damit irgend jemanden einen Tort antun wollen, oder sollen sie etwa böse Geister bannen? Wir wissen es nicht.

Ebenso scheint und das eiserne Tor ein Rätzel aufzugeben. Im ersten Felde linke neben dem Torflügel ist in das eiserne Gitter ein knapp ein halber Meter langer, kunstvoll geschmiedeter Schlüssel eingefügt. Er hängt so hoch, dass wir ihn gerade erreichen können. Wir rütteln daran, aber er sitzt eisern fest zwischen den Stäben. Was soll der Schlüssel an diesem Tor? Soll er daran gemahnen, dass sich den entschlafenen Görlitzern hier die Pforte zum Himmel geöffnet hat? Wir haben in der

Nachbarschaft erfahren, dass der Schlüssel, der in keine Tasche passen würde, allgemein »Himmelsschlüssel« genannt wird. Wir geben uns mit dieser Auskunft aber nicht zufrieden und sehen uns die Sache näher an. Wer scharfe Augen hat, gewährt über dem Bart des Schlüssels in der eisernen Querschiene eingeschlagene Buchstaben, und mit einiger Mühe entziffert er: »George Philipp 1789 Krummel« In der Chronik unseres alten Stadtarchivars Professor Dr. Jecht finden wir, dass die Krummels Eisenhändler waren und 1845 und 1854 die Häuser Untermarkt 2 und Obermarkt 4 erwarben. Von ihnen mag es also Vater oder Großvater, vielleicht seines Zeichens Schmiede- oder Schlossermeister gewesen sein, der 1789 das Gitter anfertigte und den Schlüssel - wahrscheinlich ohne besonderen Auftrag - als »Himmelsschlüssel« einfügte.

 

Wenn wir den Stufenweg unseres Bergfriedhofs - es ist einer der schönsten Deutschlands - weitergehen, gewahren wir am Anfang des Weges den immer noch mächtigen Rest der weithin bekannten M o l l e r l i n d e. über ihre Entstehung wird folgende Sage erzählt: Der wackere Pfarrer Martin Moller, der zu Ende des 16. Jahrhunderts in Görlitz das Wort Gottes mit großem Eifer predigte, obwohl er zuletzt erblindet war (wie man an einem Bildnisse in der Peterskirche sehen kann), machte es nicht allen seinen Kirchkindern recht; denn er war ein gar gelehrter und mildgesinnter, dem damaligen Bekenntniseifer seiner lutherischen Kollegen abgeneigter Mann, so dass er in den Verdacht des heimlichen Calvinismus kam. Er musste wegen seiner Lehre viel Ungemach erleiden, machte es aber wie David, als er in Nöten war, d. h., er dichtete zu seinem eigenen Troste viele schöne Lieder. Eins dieser Lieder befindet sich auch in einem der alten Görlitzer Gesangbücher (unter Nr. 220) und in vielen anderen Liedersammlungen und fängt an:

 

Ach Gott, wie manches Herzeleid

Begegnet mir in dieser Zeit!

Der schmale Weg ist trübsalvoll,

Den ich zum Himmel wandern soll.

 

Als es nun mit dem viel angefochtenen blinden Pfarrer zu Ende ging, da sagte er zu den Seinen: »Wenn ich werde gestorben sein, so pflanzt auf mein Grab als Denkmal eine junge Linde mit den Zweigen in die Erde. So gewiss diese Linde wachsen wird, so gewiss habe ich auch Gottes Wort rein und lauter gelehrt und gepredigt.« Dieser sein letzter Wille geschah, und was er gesagt hatte, traf ein, so dass sich alles höchlichst verwunderte und viele gläubig wurden.

 

Anmerkung:

 

Das Schlesische Provinzialgesangbuch von 1908 bringt über Martin Moller folgende Notiz: »Er wurde 1547 in Kropstadt bei Wittenberg geboren, war 1568 Kantor in Löwenberg, 1573 Diakonus dort, 1575 Pastor in Sprottau, seit 1600 in Görlitz, wo er 1605 erblindete, aber sein Amt weiter versah, er starb hier 1606. Seine erbaulichen Schriften wurden viel gelesen.«Das genannte Gesangbuch enthält zwei seiner Lieder: Nr. 344: »Ach Gott, wie manches  Herzeleid... « und Nr. 362: »Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not . . .« Das neue Evangelische Kirchengesangbuch von 1951 bringt außer diesen beiden Liedern noch zwei Liedübersetzungen aus dem Lateinischen von Moller: Nr. 101: »Heilger Geist, du Tröster mein, hoch vom Himmel uns erschein . . .« und Nr. 119: »Nimm von uns, Herr, du treuer Gott, die schwere Straf und große Rut . . .«

 

Moller war ein Zeitgenosse Jakob Böhmes und hatte »den frommen und nachdenklichen Mann stets freundlich behandelt und ihm als ein treuer Seelsorger mit Rat und geistlicher Anleitung gedient« (Professor Dr. Kawerau, Breslau 1897). Dieses gütige, menschliche Verstehen Möllere sticht wohltuend ab von dem verbissenen Haß, womit Mollers Nachfolger, der Primarius Richter, den gottseligen Schuster verfolgte und zu vernichten suchte.

 

 

2. Sage

In der Sechsstadt Görlitz herrschte ehedem ein strenges Regiment, namentlich hatten die Diebe und die bei der Wegelagerung betroffenen Stegreifritter stets sofort bei ihrer Ergreifung den Galgen als Lohn ihrer unerlaubten Tätigkeit zu erwarten. So hatten die Görlitzer denn einstmals auch einen armen Knappen gefangen und auch ihn für mitschuldig an der Ruchlosigkeit seines Herrn angesehen. Indes leugnete er frischweg alles, was man ihm schuld gab, und blieb selbst, als man ihm die Daumenschrauben anlegte, um ein Geständnis von ihm zu erpressen, fest dabei, dass er unschuldig sei. Dies half ihm aber alles nichts, er ward verurteilt, gehenkt zu werden. Als er nun auf seinem letzten traurigen Gange vor dem Nikolaikirchhofe vorbeikam, wo seine Eltern lagen, denn er war ein Görlitzer Stadtkind, da fiel es ihm schwer aufs Herz, dass er so unschuldig sterben sollte, und er wollte mit Gottes Beistand ein Zeugnis hinterlassen, dass ihm Unrecht geschehen sei. Er bat also den Henker, er möge ihn doch noch an dem Grabe seiner Eltern ein Vaterunser beten lassen. Dies schlug ihm dieser auch nicht ab, sondern ließ ihn durch seine Knechte bis an den Grabhügel seiner Eltern begleiten. Hier fiel er auf seine Knie, betete, riss dann ein kleines Lindenbäumchen, das auf dem Grabe stand, mit der Wurzel aus der Erde und pflanzte es verkehrt wieder ein, so dass die Wurzeln als Zweige in die Höhe standen, die bisherigen Zweige aber mit Erde bedeckt wurden. Darauf rief er: »So wahr dies Bäumchen aus den Wurzeln Zweige und aus den Zweigen Wurzeln treiben wird, so gewiss werde ich unschuldig hingerichtet« So geschah es, das Bäumchen wuchs zum mächtigen Baume heran und gibt noch heute Zeugnis von diesem furchtbaren Gottesgericht.

 

Anmerkung:

Die Oberlausitzer Städte Kamenz, Bautzen, Löbau, Görlitz, Lauban, Zittau hatten sich 1346 zu dem Sechsstädtebund vereinigt, um gemeinsam die Sicherheit der Straßen zu schützen und gegen alle Freveltäter vorzugehen. Görlitz nahm als mächtigste der sechs Städte eine führende Stellung im Bunde ein. Über die unerbittlich strenge Rechtspflege der damaligen Zeit hieß es in einem bezeichnenden Spottvers: »Wer kommt aus Bautzen ungefangen und aus Görlitz ungehangen und aus Zittau ungefreit, der kann wohl reden von guter Zeit!« Aber die Zeit wurde durchaus nicht von Jedermann als so »gut« befunden, wie heute manche glauben.

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