GOERLITZ-ALBUM

Der Sturz vom Kirchendach

An der Ostseite der Peterskirche, im Winkel hoch über der Tür der Georgskapelle, dicht unter dem Dach ist ein in Stein gehauener Mann mit kreuzweise verschränkten Beinen zu sehen. Der Sage nach stellt dieses Steinbild einen Zimmermann dar, der beim Bau der Kirche vom Dache herabfiel, mitten im Fallen aber die Kraft und die Geistesgegenwart gehabt habe, seine Art über sich in den Balken einzuhauen, um sich einen Halt zu schaffen. Dies sei jedoch nicht gelungen, das Beil habe schließlich nachgegeben, und er sei in die Tiefe gestürzt. Ein steinernes Tatzelkreuz ist ungefähr zehn Schritt von der Kirche entfernt in das Pflaster eingelassen, um die Stelle zu bezeichnen, wo der Zimmermann aufgeschlagen war.

Nun hat ja fast jede Sage einen wahren Kern. Im Laufe der Zeit wird dann ein ungewöhnliches Erlebnis im Weiter­erzählen ausgeschmückt und umgedeutet, und aus einer tatsächlichen Begebenheit ist eine Sage entstanden. Es ist deshalb keineswegs unwahrscheinlich, dass die Figur an der Dachtraufe, die als Wasserspeier nütz­lichen, wenn auch verhassten Dienst verrichtet, an den tödlichen Sturz eines Dachdeckergesellen erinnert, über den wir auf einem Denkstein im Nikolaifriedhofe Näheres erfahren. Wenn wir vor dem Haupteingange der Nikolaikirche stehen und nach links außen herum an der Kirche entlang gehen, an dem Vorbau der Küsterwohnung vorüber bis in den untersten Friedhofswinkel rechts, gewahren wir genau hinter der Teppichklopfstange, in die Kirchenmauer eingefügt, einen schlichten Denkstein. Wenn es uns gelungen ist, die Inschrift zu entziffern, kommt uns unwillkürlich der Menschenkopf in Erinnerung, der vom Dachrand der Peterskirche entsetzt in die Tiefe starrt. Die Inschrift aber lautet: »Hier ruhen die zersplitterten Gebeine eines Jünglings Franz Hesse, gebohren in Goldberg, den 10. Oktober Anno 1754 und selbigen Tages getauft. - Er endigte sein 22 jähriges Leben allhier in Görlitz, den 3. August 1776, indem er Nachmittags um drey als Kupferdecker bei Änderung des Kirchendaches zu St. Peter und Paul 84 Ellen hoch herabfiel. Den 6. dieses Monats wurde sein sogleich entseelter Körper an dieser Stelle öffentlich zu seiner Ruhe gebracht. Ach, ein Tropfen Jesus Blut kann uns felig machen.« Man hatte - wie ein Chronist berichtet dem einfachen Jüngling aus dem Handwerkerstande eine Ehrenstätte bei den Grüften der Reichen gegeben, was damals als eine ungewöhnliche Auszeichnung und tröstliche Geste gegenüber den Angehörigen gegolten hat.

Wenn aber heute die Menschen vor der Georgskapelle stehen und nachdenklich und bewegt auf den Granitstein mit dem eingeschlagenen Kreuz zu ihren Füßen schauen an der Stelle, wo schon Tausende gestanden und immer wieder stehen werden, dann kann es geschehen, dass der Küster hinzutritt und, auf den Stein weisend, nun noch viel genauer erzählt: »Damals, als der junge Zimmermann an seinem Beil hoch über Ihren Köpfen hing, sind die Leute aus der Nachbarschaft in fliegender Hast aus den Häusern gestürzt und haben ihre Betten ausgebreitet, in der Zuversicht, dass der junge Handwerker darauf fallen möchte und dadurch gerettet würde. Aber das geschah eben zu aller Entsetzen leider nicht; denn als er losgelassen hatte, fiel der Dachdecker neben die Betten, genau auf die Stelle, wo jetzt der Stein mit dem Tatzelkreuz liegt.

 

Anmerkung:

Im Wappenwesen gibt es eine große Anzahl von Formen für das Zeichen des Kreuzes, darunter auch eine Darstellung, die das »Tatzelkreuz« genannt wird. Von den vier Ecken eines Rechtecks (oder Quadrats) gehen vier mit der Spitze zur Mitte zeigende tatzenartige Abdrücke aus, so dass sie ein Kreuz in dem Rechteck (Wappenschild) bilden.

Tatzelkreuz Eingang Krypta oder Georgskapelle
historisches Tatzelkreuz
historisches Wappen
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