Der Rathauslöwe brüllt
weitere Bilder am Ende der Sage
über der Monduhr des Görlitzer Rathausturmes sitzt in einer Fensternische ein Löwe aus Stein, der Rathaus, oder Wappenlöwe. Viele Görlitzer haben ihn noch nicht entdeckt, denn er hat die Schutzfärbung der Umgebung angenommen; aber auswärtigen Gästen hat er oft den Willkommensgruß der Stadt zugebrüllt. So schrieb man 1954.
Früher war dieser Löwe vergoldet, und bis zum Brand des Rathausturmes 1742 stieß er bei Eintritt des Neumonds ein »Gebrüll« aus. Ein Miniatur-Orgelwerk, das aus Blasebalg und Pfeifen bestand, erzeugte dieses Gebrüll. »Er brüllte so
schrecklich, dass die Menschen in Furcht und Schrecken versetzt wurden«, wie es in einer Chronik heißt. 1593 bekam es der Löwe mit dem Blasebalg, seiner Lunge, zu tun und wurde krank. Ein Orgelbauer aus Böhmen, Mathes Nebel, ward gewonnen, das kranke Wappentier zu kurieren. Er setzte ihm einen zweiten Blasebalg ein, gab eine Posaune und vier Pfeifen dazu; aber nun wurde das Brüllen so gewaltig, dass die Frauen des Untermarkts beim Rat Beschwerde führten. Der sehr »aufgeklärte« Stadt-Bauinspektor Bellmann begutachtete, »dass vierfüßige Tiere auf Dächern und Türmen wider die Vernunft und die Natur seien«. Er schlug ein anderes Signal beim Eintritt des Neumonds vor und wollte das »grimmige Tier delegieren«. Die Versetzung des Löwen wurde nicht genehmigt, das Brüllen aber abgestellt.
Im Jahre 1939, also nach mehr als 300 Jahren, erinnerte man sich des Löwen von neuem. Ein Stellmacher, Oswald Fischer in Marklissa, erklärte sich bereit, dass Gebrüll wieder in Gang zu setzen. Der Kosten wegen unterblieb die Erneuerung.
Kurz vor dem zweiten Weltkrieg aber ließ das so eifrig umsorgte Rathaustier dem rührigen Verkehrsamt der Stadt keine Ruhe. Rasch entschlossen wurde ein »echtes Löwengebrüll« bestellt, zwar nicht in der afrikanischen Wüste, sondern etwas näher - im Leipziger Zoo, und dort wurde es auch von der Firma Siemens auf ein Stahlband aufgenommen. Dieses Stahlband fiel leider dem Krieg zum Opfer. Es ist nicht in Görlitz eingetroffen. In neuester Zeit erinnerte sich der in Görlitz um die Wahrung und Pflege alten Brauches stets besorgte Oberbürgermeister, dass die Stadt einst dem Sechsstädtebund angehörte, und es fand sich auch bald »ein künstlicher Spieluhrenmeister« in der Sechsstadt Zittau bereit, das Gebrüll nach alter Art wieder herzurichten. Seitdem brüllt der Löwe täglich um 12 Uhr mittags und um 12 Uhr nachts, und auf dem Untermarkt geht der Spruch: »So lange war der Löwe stumm, jetzt hörst du wieder fern Gebrumm.«
Eines schönen Maientages des Jahres 1953 besuchte die Malerklasse Ma 1/2 der Berufsschule l in Zittau die Schwesterstadt Görlitz und wünschte zu ungelegener Zeit des Löwen erneuertes Gebrüll zu hören. Aber wie sollte er dazu bewegt werden, die Zittauer Maler zu begrüßen? Eine Zigarette bewirkte das Wunder: der Löwe brüllte und lächelte freundlich dazu. Zum Dank dafür schickte die fröhliche Malerklasse die »Sage vom Räucherlöwen« an die Stadt. Sie ist, mit farbigen Löwenporträts reich geschmückt, urkundlich im Reichenbacher Türmerbuch niedergeschrieben und lautet:
Es wird erzählt, dass sich seit Jahrhunderten am Görlitzer Rathausturm ein Löwe eingenistet hat. Dieser Löwe hat die Eigenart an sich, dass er nur brüllt, wenn man ihm eine Zigarette verspricht.
Bekommt er die Zigarette, ist er zufrieden und achtet den Menschen. Doch einmal waren einige bei ihm zu Besuch und gaben ihm die versprochene Zigarette nicht ist es deshalb ein Wunder, dass der Löwe das Vertrauen zu den Menschen verlor?
Der Löwe nahm später die Zigarette nicht mehr an, er war wohl als Görlitzer Wappentier zu stolz dazu. Es wird nun weiter erzählt, dass der Löwe die Zigarette aber auch niemand anderem mehr gönnt. Wenn wirklich jemand den Versuch unternehmen wollte, die Zigarette zu rauchen, die ihm die Zittauer versiegelt übersandten, wird er blitzschnell vom Turm herunterspringen, im Lande umgehen und alle Menschen, die nur versprechen und nicht halten, anfallen.
Der Rathauslöwe ist nun wieder in Gold und brüllt auch wieder regelmäßig.
