GOERLITZ-ALBUM

Der Nachtschmied zu Görlitz

Obermarkt 15
Obermarkt 15

In Görlitz lebte einst ein Schmied, der war sehr fleißig und geschickt, und deshalb geachtet und gesucht; nur stand er in dem Rufe, auf  Kirche und Glauben nicht viel zu halten. Lange lebte er unbescholten, bis einst ein Knecht zu ihm kam, baumstark, rothaarig, einäugig und lahm, der aber durch Gehorsam, Genügsamkeit, Fleiß und Geschicklichkeit sich bei ihm einschmeichelte, so dass er ihn als seinen Gesellen annahm.  Ja, er wurde ihm bald unentbehrlich, denn er verrichtete alle Arbeit in unglaublich kurzer Zeit. Da als Folge dieses Fleißes des Meisters Gegenwart in der Werkstätte überflüssig erschien, ergab er sich dem Faulenzen, dem Spiele und dem Trunk. Zuletzt brachte die Arbeit des fleißigen Knechtes kaum so viel ein, wie der Meister durchbrachte.

 

Eines Abends spät kam ein Junker in schwarzer Tracht auf schwarzem Pferde, ein schwarzes Barett mit roter Hahnenfeder auf dem Kopfe,  vor die Schmiede gesprengt. Er bestellte ein eisernes Gitter um eine Gruft für einen sehr hohen Preis, verlangte aber, dass es unbedingt bis Mitternacht des Dritten Tages fertig fein müsste, wogegen die Hälfte voraus bezahlt werden sollte. Halb trunken, vomGelage abgerufen, lacht der Meister zuversichtlich; dafür wolle er wohl Leib und Seele verpfänden, dass zu der Zeit alles fertig sein würde. Da dringt der Junker in ihn und  spricht:  So er das täte, möchte ihm wohl der vierfache Preis zuteil werden. Der Meister, von Habsucht geblendet, unterschreibt mit feinem Blute die Bedingung und sieht mit Erstaunen zwar das Gold richtig bezahlt vor sich liegen, aber der Junker ist verschwunden. Der Leichtsinnige vergisst aber bald, was geschehen, und kehrt zum Gelage zurück. Am Morgen erzählt er seinem Knecht die Sache und heißt ihn gleich ans Werk gehen. Höhnisch lachte dieser: Das hätte er getrost an einem Vormittag zu liefern sich verpflichten können. Völlig beruhigt geht der Meister weg und verjubelt das im voraus empfangene Geld. Erst am dritten Nachmittag fällt ihm ein, nach der Arbeit zu sehen. Er eilt in die Werkstatt: das Gitter ist bis auf einen einzigen Ring fertig, aber der Knecht ist verschwunden. Eiligst geht der Meister selbst an den Amboss, um das noch Fehlende zu ergänzen. Aber vergeblich müht er sich. Alles Eisen, das der Hammer berührt, springt unter seinen Händen entzwei. Die übernatürlichen Hindernisse seines Beginnens lassen ihn erkennen, dass der Hölle Macht im Spiele ist. Entsetzen fasst ihn und treibt ihn bald von der trostlosen, hoffnungslosen Arbeit weg, bald mit verzweifelter Anstrengung wieder hin. Der Knecht bleibt verschwunden. Endlich, unter der vergeblichen Arbeit, naht die Mitternacht. Mit dem ersten Glockenschlage öffnet sich die Erde und verschlingt den dem Teufel Verfallenen. Seitdem ist er verdammt, so lange unter der Erde zu schmieden, bis der fehlende Ring am Gitter sein wird. Menschliche Macht aber kann ihn nicht erlösen, denn so oft Vorwitzige oder Fromme den fehlenden Rlng am Gitter ersetzten, verschwand er von selbst in der Nacht, oder seine Leute hatten keine Ruhe, bis der Ring wieder abgenommen war, wie es noch vor kurzer Zeit einem Schmiedegesellen namens Wende ergangen ist. Darum muss der Schmied unter der Erde schmieden, und allnächtlich hören die Bewohner des Obermarktes, ganz besonders des Hauses in der nordwestlichen Ecke (Haus Nr. 15), wo er gewohnt hat, sein Hämmern, bald in ruhigem, abgemessenem Takte, bald wieder in raschen, ungestümen Schlägen, wenn über der Arbeit ihn die Verzweiflung packt. Zwar haben in neuerer Zeit Leute, die alles besser wissen wollen, in unterirdischen Gewässern die Ursache des dumpfen, hämmernden Geräusches finden wollen, aber man weiß ja, was man von solchen Sachen zu halten hat. Der Name des Schmiedes soll  Vollprecht gewesen sein.

 

 

 

Anmerkung:

 

Auf dem alten Nikolaifriedhofe, ungefähr in der Mitte der südlichen Seite, findet man dicht an einer freistehenden Gruft den Leichenstein eines Handelsmanns Martin Lufft und dessen Frau Tugendreich Anna Maria, geb. Martinius, und die Jahreszahl 1680. Diesen Stein umfasste ein eisernes Gitter, von dem die Sage erzählt. Die Stelle, wo der Ring fehlt, war an der Seite nach der daneben stehenden Gruft zu. Geschäftstüchtige einheimische Führer nutzten die Sage aus, und der Ring fehlte stets am anderen Tage, wenn auch tags zuvor ein neuer Ring angeschmiedet worden war.  Zuletzt  verschwand er plötzlich, nachdem er, von Bandeisen gearbeitet, mehrere Jahre gehalten hatte. 1868 ist er aber wieder aufs neue angelegt worden und wird wohl nun bleiben. Zwei Flächen des Gitters sind 1952 im Hofe des Hauses Neißstraße 30 als Torflügel eingebaut worden. Dort kann der Rest des Nachtschmiedgitters von jedermann besichtigt werden.

Um die Ursache des nächtlichen Pochens zu ergründen, entschloss sich 1830 die Naturforschende Gesellschaft zu Görlitz, die geheimnisvollen Geräusche, die durch Jahrhunderte in gleicher Weise wiederkehrten, auf ihre Ursachen zu untersuchen.   Am 9. November 1832 sandte die Gesellschaft ihr Mitglied August Thieme zu dem im Spukhause geborenen und erzogenen Schmiedemeister Götze, um dem Geiste des rastlosen Nachtschmiedes auf die Spur zu kommen. Götze erzählte ihm, dass die Zeiten dieses Getöses im Haufe sehr verschieden seien, im Winter und Frühjahr am häufigsten. Die Bewohner des Hauses stoßen sich an diesen Spuk keineswegs, es heißt einfach: Der Nachtschmied arbeitet!


Genauere Untersuchungen haben dann ergeben, dass alles auf Naturgeschehen beruht. Eigentümlich ist nämlich die Bauart dieser alten Häuser im Winkel, deren Keller sozusagen ineinander verschoben sind.
Diese Keller hängen mit der alten Stadtbefestigung  zusammen und wurden in Belagerungszeiten wohl als Kasematten verwendet. Früher standen sie oft unter Wasser; als dieses ausgepumpt wurde, haben sich auch die nächtlichen Geräusche gemindert und später verloren. Es wurde dann festgestellt, dass gerade die Gegend an der früheren Stadtmauer, an welche die Häuser unmittelbar anstießen, überaus reich an Grundwasseradern ist, deren unterirdisches Gurgeln, verstärkt durch die Akustik der ineinander gebauten Keller, die unheimlichen Geräusche hervorrief.
Im ersten Stock des Reichenbacher Turmes zeigt ein Riesenwandbild des Görlitzer Malers Günther Hain die letzte Szene der dramatischen Sage, d. h. den Augenblick, in dem Meister und Schmiede im Höllenschlund versinken.

 

Gitter des Nachtschmiedes im Hof Neißstraße 30
historisches Wappen
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