Der Klötzelmönch
In der Fleischerstraße zu Görlitz gewahrte man neben dem Hause der alten Löwenapotheke das in Stein gehauene Bild einer Frau, die gleichsam wie aus einem Fenster aus der Mauer herausguckt, als wolle sie nach jemandem Ausschau halten. An der Wand gegenüber war früher noch ein zweites Bild, das Gesicht eines hässlichen Mönchs, zu sehen. Mit diesen zwei Köpfen hat es folgende Bewandtnis: Eines Tages wanderte ein Junger Handwerkersbursche frohen Mutes in die alte Sechsstadt Görlitz ein. Als er bei der offenen Klosterkirche vorbeikam, läutete eben das Minoritenglöcklein zur Messe. Der fromme Jüngling trat in den heiligen Raum, legte in einer Ecke der Kirche sein Ränzlein ab, Kniete nieder und betete inbrünstig. Da überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit, er lehnte den Kopf an die Bank und schlief ein. Als die fromme Handlung vorüber war und alles die Kirche verlassen hatte, schloss der Pförtner, der den Schlafenden nicht bemerkt hatte, die Kirchentüren zu. Der junge Mann erwachte erst gegen Mitternacht und erschrak nicht wenig, als er sich in dieser Finsternis mutterseelenallein in der leeren Kirche wiederfand. Er sprang auf und näherte sich der Ewigen Lampe, die auf dem Hochaltar brannte, um wenigstens etwas sehen zu können. Da hörte er auf einmal schlürfende Schritte; er versteckte sich daher eilig in einem der gotischen Chorstühle, die den Altarplatz umgaben. Kaum hatte er fein Versteck erreicht, da öffnete sich ihm gegenüber die eiserne Tür, die die Kirche mit dem Minoriten- oder Franziskanerkloster verband. Heraus trat ein Mönch, dessen hässliche Züge von einer Blendlaterne grell beleuchtet wurden. Er schleppte eine schlanke Frauengestalt, die offenbar nicht mehr am Leben war, an ihren langen blonden Locken hinter sich her und klapperte dabei unheimlich mit seinen Holz- oder Klötzelpantoffeln. Vor dem Altare angekommen, hob er eine Steinplatte aus dem Fußboden heraus und ließ den Leichnam, den das darauffallende Licht der Blendlaterne jetzt als den eines schönen jungen Mädchens erkennen ließ, hinab in die Tiefe, schob die Platte wieder zurecht und verließ mit demselben schlürfenden Gang die Kirche. Dem Handwerkerburschen zitterten ob dieses grausigen Anblicks alle Glieder, er musste jedoch ruhig ausharren, bis die Türen zur Frühmesse geöffnet wurden. Da schlich er unbemerkt hinaus und glaubte, es habe ihn ein böser Traum geäfft. Allein in der Herberge hörte er, dass man seit gestern die schöne Tochter einer armen Witwe vermisse, die in die Messe gegangen, aber von da nicht wieder nach Hause zurückgekehrt wäre. Da begab er sich flugs zum Bürgermeister und erzählte, was er in der vorigen Nacht erlebt hatte. Der Bürgermeister ließ sofort die Kirche und das Kloster mit Wachen umstellen, den Handwerkerburschen in die Kirche führen und dort durch diesen die Steinplatte suchen. Diese war bald gefunden. Man hob sie in die Höhe, stieg in die Gruft hinab und fand dort die Vermisste als Leichnam. Nun wurden alle Mönche versammelt, und der Handwerkerbursche erkannte unter den zitternden Mönchen schnell den wieder, dessen hässliche Züge ihn in der Nacht zuvor erschreckt hatten. Der Mönch gestand nun, dass er das Mädchen in seine Zelle gelockt, dort überfallen, dann ermordet und in der Mitternachtsstunde am Altare der Klosterkirche verscharrt hätte. Seine Strafe war die, lebendig eingemauert zu werden. Aber seine Seele hatte keine Ruhe; sowohl im Kloster als auch in den dazu gehörigen Gebäuden hörte man ihn oft auf seinen hölzernen Klötzelpantoffeln herumklappern. »Der Klötzelmönch spukt wieder einmal«, hieß es da. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts erschreckte er einen Barbierjungen, der sich in den Kreuzgängen des Klosters verlaufen hatte, so mit seiner Blendlaterne, dass er tage darauf starb. Erft nachdem man zu Anfang des
19. Jahrhunderte beim Wegreißen des zu den »Drei Eichen« gehörigen, mit dem Kloster verbundenen Gebäudes seine eingemauerten Gebeine fand und in geweihter Erde begrub, hat er sich nicht wieder sehen lassen. Das Bild des Mönches aber und das der ängstlich nach ihrer Tochter ausschauenden Mutter ließ ein Görlitzer Bürger an dem Hause, wo das Mädchen gewohnt hatte anbringen.
Anmerkung:
Die Löwenapotheke ist 1945 den Kriegsereignissen zum Opfer gefallen. An ihrer Stelle erhebt sich jetzt ein 1953/54 errichtetes Mehrfamilienhaus. Das Minoriten- oder Franziskanerkloster, das nach der Reformation zu einem Gymnasium eingerichtet wurde, steht nicht mehr. Es wurde 1853 abgerissen. Das an seiner Stelle neu erbaute Schulhaus nahm zuerst das Gymnasium Augustum auf, zu DDR Zeiten eine Grundschule und eine Oberschule darin untergebracht. Der achteckige Turm, die »Einstein Sternwarte« diente als Observatorium. Vom Franziskanerkloster aus führte übrigens der Sage nach ein unterirdischer Gang nach der Landeskrone. Einmal drangen drei Schüler hinein, gingen eine Viertelstunde weit darin fort, kamen aber dann an eine eiserne Tür, die sie nicht zu öffnen vermochten. Auf dem Rückwege gerieten sie in des Rektors Weinheller und betranken sich dermaßen, dass sie den Ausgang viele Stunden lang vergeblich suchten. Aber der Streich kam heraus, die Schüler wurden streng bestraft, und der Eingang wurde zugemauert.
Die Sage von dem unterirdischen Gang nach der Landeskrone hat sich bis in die Neuzeit erhalten. Eingehende Feststellungen und die umfangreichen Schachtarbeiten bei der Anlage der Kanalisation zu Beginn dieses Jahrhunderts haben gezeigt, dass es einen solchen Gang nie gegeben hat.
