Der dreibeinige Hund in Görlitz
Wenn man die Fleischerstraße herabkommend, sich etwas rechts wendete, gelangte man in ein schmales, schmutziges Gässchen, das links von der Stadtmauer, rechte von den Hinterhäusern der Büttnerstraße eingefasst wurde. Das Gässchen mündete nach einer Biegung in die Büttnerstraße. Dort stand ein an die Stadtmauer gelehntes
Haus, dessen drei Hauptseiten dem schmalen Gässchen, der Büttner- und der Jüdenstraße (Rathausstraße) zugewandt waren. Der Volksmund nannte die am Ende dieses Gässchens gelegene Kanalschleuse »das Hundeloch« und den Besitzer des erwähnten Hauses »Den Hundebäcker«.
Die Sage lautet: Allnächtlich kam vom Jakobshospital her ein großer schwarzer Hund auf drei Beinen gelaufen, nahm seinen Weg durch das Frauentor, die Steinstraße, den Obermarkt, die Breite-, Langen- und Fleischerstraße und das oben erwähnte Gässchen, wo er in der Schleuse verschwand. Die Torwächter am Frauentor wussten genau, wann der Hund kam; sie ließen um diese Zeit das Pförtchen auf, und es geschah ihnen auch nichts. Den Rekruten wurde es mitgeteilt, wenn sie das erste Mal dort die Torwache hatten. Endlich fand sich ein Rekrut, der an den Spuk nicht glauben wollte. Als er auf Posten kam, schloss er das Pförtchen um so fester. Um Mitternacht kam der Hund mit feurigen Augen und einem Stück Kette am Halse an. Als er das Pförtchen geschlossen fand, wurden seine Augen noch feuriger, und mit einem Satz sprang er über das Tor. Was mit dem Rekruten geschehen ist, hat kein Mensch erfahren. Die Wachtsoldaten fanden ihn leblos am Boden liegen; Der Gewehrlauf war schraubenförmig zusammengewunden. Erst am anderen Tage kam der Rekrut wieder zu sich und lebte dann noch drei Wochen, hat aber niemandem verraten, was ihm widerfahren ist.
Anmerkung:
Der Sagensammler Gustav Werner bemerkt dazu, dass diese Sage, soweit es sich um den Rekruten handelt, aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts (1800) stamme. Zeitgenossen versicherten ihm, sie hätten den Mann genau gekannt; er habe Standtke geheißen. Was ihm in jener Nacht geschehen, war nicht zu erkunden, und nur der damals noch herrschende Aberglaube habe das Erlebnis mit der alten Sage vom dreibeinigen Hunde zu Görlitz in Verbindung gebracht.
