GOERLITZ-ALBUM

Blutiges Wasser

Wenn wir und den Kaisertrutz und alle ihn umgebenden Häuser einmal wegdenken - unserer Fantasie und unserem Vorstellungsvermögen sind ja keine Schranken gesetzt -, dann stehen wir in einem sumpfigen, von Gräben durchzogenen Gelände, in dessen Mitte ein schlammiger Teich liegt, worin die Frösche quaken. Nur die umfangreiche Toranlage des Reichenbacher Stadttores und der Reichenbacher Turm rasen vor uns auf.  Hier war wohl die schwächste Stelle der Görlitzer Stadtbefestigung, weshalb die Stadtväter nach der neuen Verteidigungsordnung von 1490 beschlossen, hier eine besondere wuchtige Bastion zu erbauen, die jeden Angreifer abwehren könnte. So entstand der Kaisertrutz, der erst seit dem Dreißigjährigen Kriege diesen Namen führt, als die Schweden, die die Stadt besetzt hatten, an dieser Stelle den umlagernden kaiserlichen und kursächsischen Truppen mit Erfolg „trotzten“.

 

Anno 1630 aber, den 26, November, so berichtet ein Chronist, hat man zu Görlitz am Graben vor dem Reichenbacher Tore auf dem Eise große rote Flecken wie von lauter Blut gesehen. Da ist der Bürgermeister mit vielen hundert Menschen hinausgegangen, der Torhüter ist ins Wasser gestiegen und hat einzelne Stücke Eis heraufgebracht, die aber in helles klares Wasser zerschmolzen sind.

 

Ebenso hat man Anno 1631, den 4. Januar, in demselben Wassergraben einen förmlichen Blutquell entdeckt, wovor sich viele tausend Menschen entsetzt haben. - Noch in demselben Jahre aber, den 31. Oktober, wurde Görlitz von den Kaiserlichen besetzt.

 

Anmerkung:

Früher wurde allgemein wie hier in Görlitz farbiger Schnee,  z. B. Blutschnee,  abergläubisch gedeutet. Diese Erscheinung wurde als ein Vorbote kommender schwerer Nöte, wie Krieg, Pestilenz, Wasser oder Feuersnot usw. angesehen. Ein Franzose, Dr. Sausure, der als einer der ersten Naturforscher im Jahre 1778 roten Schnee am Großen St. Bernhard beobachtet hatte, vermutete, dass die Färbung durch roten Staub verursacht wurde. Heutige Biologen belehren uns, dass „Blutschnee“ eine in den Alpen häufige Erscheinung ist. Sie wird durch Abermillionen einzelliger Algen erzeugt. Die binnen weniger Tage Flecke von Zimmergröße auf dem Schnee rot bedecken und sich von organischen Stoffen windzugewehten Staubes ernähren.

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