GOERLITZ-ALBUM

S a g e n

von und um Görlitz

 

 

 

Mit einer Strophe aus Goethes Gedichtfragment

»Die Geheimnisse« sei als Leitwort dieser

volkstümlichen Görlitzer Sagensammlung vorangestellt:

 

 

»So könnt ich dir noch tagelang berichten,

Was jeden Hörer in Erstaunen setzt; ...

Was dem Gemüt in Fabeln und Gedichten

Unglaublich scheint und es doch höchst ergötzt,

Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen,

Zwiefach erfreut, für wahr es anzunehmen.«

nach Eberhard Wolfgang Giese

VOM  URSPRUNG  DER  STADT GÖRLITZ

 

Wo einst Urwald war, pocht und werkt heute der »Waggonbau«

 

1.   Sage

 

Da der Ursprung, um nicht zu sagen der Tag der Geburt, einer Ortschaft meist in nebelhaftem Dunkel liegt, hat dich die Sage mit besonderem Eifer bemüht, dieses Dunkel zu erhellen. Dass solche Erleuchtung finsterer Vergangenheit selten mit den Ergebnissen der Wissenschaft genau übereinstimmt, ist allen klar. Trotzdem lassen wir uns gern aus dem Munde des Volkes Sagen erzählen und hören um so lieber zu, je mehr Fantasie und frommer Glaube aus der Erzählung sprechen.

 

Im Sagenbuch der Lausitz, das allein drei Sagen über den Ursprung der Stadt Görlitz enthält, ist in der ersten Sage schwarz auf weiß niedergelegt, dass dort, wo jetzt die Stadt Görlitz steht, von alters her Urwald war. In einem dichten heiligen Eichenhain hätten die Deutschen - lange ehe die Wenden kamen - einen Gott »Schwabus« verehrt. Ein etwas komischer Name für einen Gott, so will es und heute scheinen. Aber das der  H a i n w a l d  so heißt, weil einst das hohe Neißeufer, das ihn trägt, dicht bewaldet war, glauben mir gern. Auf dem gegenüberliegenden Ufer lagen drei Kretschame, davon einer auf der Höhe. Es waren Einkehrstätten für die Reisenden, welche die hier sich kreuzenden Handelsstraßen aus Böhmen nach der Mark Brandenburg und aus Polen und Schlesien nach Sachsen und Meißen entlang zogen und durch die an dieser Stelle befindliche Furt die Neiße überschritten.

 

Nach und nach wurde der Wald gelichtet und in fruchtbaren Acker verwandelt, und es entstanden die Dörfer  T a ch o w  und  D r e b n o w. Sie nahmen etwa das Gebiet der jetzigen Nikolaivorstadt ein und reichten bis hinauf zu dem Berge, worauf heute die Peterskirche steht. Dort oben auf dem schroff zur Neiße abfallenden Tonschieferfelsen hatte sich der böhmische Herzog Sobieslav der Ältere ein Blockhaus aus Baumstämmen erbaut und es mit einer Besatzung versehen. Im Jahre 1131 brannte Drebnow, das sich bereits zu einem Marktflecken entwickelt hatte, nieder. Da machten sich des Herzogs Leute auf, kamen klagend und jammernd zu ihm und sagten (ins Deutsche übersetzt): »Verbrannt ist uns Dein Drebnow!« Aber der Herzog hieß sie guten Mutes sein und versprach ihnen, an Stelle der hölzernen Wohnhäuser, Ställe und Scheunen solche aus Stein aufzuführen. Er kam noch in demselben Jahre in die Lausitz, erfüllte sein Versprechen, erneuerte, vergrößerte und besserte die Stadt, umgab sie mit einer Mauer und nannte sie, um die Erinnerung an den Brand festzuhalten:  Zgorzelize = Görlitz oder Brandstätte.

 

2. Sage

Wie unbekümmert und doch erfindungsreich der Sagenerzähler aus dem Volk Lücken im Wissen über unsere Vorgeschichte auszufüllen weiß, verraten die zweite und die dritte Sage, die über den Ursprung der Stadt   G ö r l i t z  in Umlauf sind.

 

In der zweiten Sage wird erzählt:

Ein christlicher Ritter, der sich Tachow nannte, ham im 10. Jahrhundertin den schönen dichten Wald in der Gegend, wo jetzt Görlitz  steht. Weilihm der Ort recht wohl gefiel, siedelte er sich vor dem Kreuztore an, wo man jetzt nach   G i r b i g s d o r f  geht. Um seinen Hof wuchs bald ein Dörflein auf, das seinen Namen führte.

 

Südwärts, an der Straße nach  Z i t t a u, entstanden um dieselbe Zeit zwei andere Rittersitze, Creolsdorf und Salmansdorf, woran noch heute die frühere   K r ö l s t r a ß e  und die  S a l o m o n s t r a ß e  erinnern. Auch ein bescheidenes Kirchlein,  dem Heiligen Nikolaus geweiht, wurde in der Nähe von Tachow erbaut. Es gewann eine große Bedeutung, weil es die wenigen Christen, die damals in der Gegend wohnten, vereinigte. Immer mehr fleißige und friedliche Menschen bauten sich im Schatten der Kirche an. Außer den vorhandenen entstanden im näheren und weiteren Umkreis noch vier andere Dörfer.

 

Im 11. Jahrhundert setzte sich an der Zittauischen Straße gegenüber von Creolsdorf ein Ritter Kunz oder Kunradsdorf genannt. Seine Ansiedlung wurde K u n z e n d o r f  oder Kunradsdorf genannt. Das Geschlecht der ovon Cale (Kahle) wählte sich die Gegend, die sich vom Frauentore nach der Neiße hinunterzieht und Kahle (jetzt Johannes-Wüsten-Straße) genannt wurde. - Nordwärts, am linken Ufer der Neiße, an der Rothenburger Straße, Galgen- und Neugasse, gründete das Geschlecht der Wicker.  Die Niederlassung Wickersdorf. Auch am rechten Neißeufer entstanden mehrere Dörfer. Inmitten dieser Orte errichtete dort, wo ehemals der Vogtshof stand, später der Herzog von Böhmen Sobieslav eine aus rohen Baumstämmen zusammengeschrotene Veste, die »Holzburg«, d. h. Drebnow, genannt wurde. Das Dorf und die feste Holzburg brannten 1131 ab. Da machten sich des Herzogs Leute auf, kamen klagend und  jammernd zu ihm und sagten zu deutsch: »Verbrannt ist uns dein Drebnorw!«  Aber der Herzog hieß sie guten Mutes zu sein und versprach ihnen, an Stelle der Holzhäuser steinerne zu bauen. Noch in demselben Jahre kam er in die Lausitz, erneuerte, vergrößerte und  verbesserte die Stadt, umgab sie mit einer Mauer und nannte sie zum Gedächtnis des Brandes  Zgorzelize, Görlitz, Brandstatt. Dazu baute er eine in den Felsen gehauene Kapelle, dem Heiligen Georg geweiht, worüber sich nachher der herrliche Bau der Peterskirche erhob.

 

Anmerkung:

Aus der Baugeschichte der Peterskirche wissen wir zwar, dass dieSankt-Georgs-Kapelle (Krypta) nach der Peterskirche entstand - siewurde im Jahre 1951 mit erheblichen Beihilfen des Staates erneuert und würdig hergerichtet -, aber wir wollen nicht vergessen, dass die Sage mit kühnem Griff auch einmal die Jahrhunderte durcheinander bringt.

 

 

3. Sage

Die dritte Sage lautet: Im neunten Jahrhundert hatte ein wendischerHäuptling mit Namen Ziscibor auf der Landeskrone zwei schöne Schlösser erbaut, und schon damals stand an der Stelle der jetzigen Stadt Görlitz ein kleines Dörflein mit Namen Gerlois. Als um das Jahr 1000 des Volkes auf der Landeskrone gar so viel geworden und kein hinlänglicher Raum mehr war, zogen viele aus und bauten auf der Höhe eine feste Burg und ringsherum eine Stadt mit Mauern und Gräben.

 

Anmerkung:

Wo jetzt die Stadt Görlitz liegt, war ohne Zweifel seit uralter Zeit eine Siedlung. Die alte Verkehrsstraße, die aus dem Westen den Handel zwischen Deutschland und Polen (Schlesien) vermittelte, fand in der Brücke über die Neiße einen der wichtigsten Übergänge zwischen Elbe und Oder. An solcher Raststelle haben sich frühzeitig die Menschen feste Wohnungen gebaut. Die Deutschen, denen die Stadt um 1200 ihre Entstehung verdankt, kamen zum größten Teil mit reichem Kapital

und legten ihr Geld in einem ausgebreiteten Großhandel an. So istGörlitz nie eine Ackerbürgerstadt, sondern von Anfang an eine Handels- und Industriestadt gewesen. Daraus erklärt sich auch, dass man gleich in den ersten Jahrzehnten sich in Görlitz trotz der Nähe des alten Gotteshauses (der Nikolaikirche) ein neues, größeres (die Peterskirche) er­baute, und dass man bereits nach 50 Jahren die Stadt um das Doppelte vergrößerte (Jecht). Die geschichtlich bekannten Personen, z. ß. Sobieslav , sind in der Sage in falschen historischen Zusammenhang gerückt.