GOERLITZ-ALBUM
Tschüss Hertie steht auf einem Schaufensterplakat am Warenhaus

Samstag, 15. August 2009
(Sächsische Zeitung)


Noch wenige Stunden:


Einkaufen bei Hertie

Von Carla Mattern


Die kleinen pummeligen Jünglinge sitzen versteinert am Ende der Säulen kurz unter der gläsernen Kuppel und schauen wie immer gelassen dem Treiben im Hertie-Kaufhaus zu. Wären sie aus Fleisch und Blut, wie die vielen Menschen in dem prächtigen Jugendstilkaufhaus, würden sie wohl fassungslos den Kopf schütteln. Seitdem die Preise um bis zu 90 Prozent purzelten und der im Juli gestartete Ausverkauf in seine letzte Phase ging, gähnen immer mehr leere Regale die Kunden an. Die dritte Etage ist schon ganz gesperrt. Auf den Wegweisern durch das Kaufhaus ist der dritte Stock mit einem schwarzen Marker freihändig durchgestrichen, im Aufzug der entsprechende Knopf abgeklebt.

Lange Schlangen an Kassen

Die 50 Mitarbeiter haben die verbliebene Ware zusammengeräumt, fast nichts mehr ist an seinem angestammten Platz. Die Verkäufer haben alle Hände voll zu tun. An den Kassen bilden sich .Schlangen. Überall sprechen Kunden die Hertie-Mitarbeiter an. Was wird denn aus dem Haus? Haben sie eine neue Stelle in Aussicht? Selbst diese gut gemeinten und neugierigen Sätze der Kunden zerren an den Nerven, weiß Armin Schneider. Der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende ist enttäuscht: „Wir haben viel versucht, aber nichts für die Kollegen und das Haus erreicht.“

Fassungslos und entrüstet mussten Schneider und seine Kollegen erleben, wie manche Kunden sich ohne jeden Anstand im Haus aufführen. Umkleidekabinen, in denen die probierten Kleidungsstücke einfach in die Ecke geschmissen werden, eine Schuhabteilung, in der kaum noch ein Schuh im Karton ist und man kaum treten kann, abgetrennte Preisschilder. Wo die dazugehörigen Markenartikel sind, mag Schneider nicht spekulieren. „Unsere Arbeit wird regelrecht mit Füßen getreten. Viele Jahre haben wir uns um eine gute Verkaufskultur bemüht“, sagt der Königshainer, der 39 Jahre in dem Kaufhaus gearbeitet hat.

Arbeitslosigkeit beginnt

Nach dem letzten Verkaufstag an diesem Sonnabend werden die Hertie-Mitarbeiter noch eine Woche lang zur Arbeit kommen und die übrigen Warenbestände aufnehmen. Ab Montag ist auch eine Verwertungsfirma im Haus, die sich um die Ausstattung kümmert. Am kommenden Donnerstag wird der Betriebsrat die Kollegen ein letztes Mal einladen. Dann beginnt für fast alle Hertie-Mitarbeiter die Arbeitslosigkeit.

Nur im Eingangsbereich vom Demianiplatz aus bleibt Leben im Haus. Am Montag baut hier die Parfümerie um. Am Dienstag will sie wieder öffnen.

 

Das Auf und Ab


des Görlitzer

 

Warenhauses



1900

Damals befindet sich das Hauptgeschäft des Görlitzer Händlers Louis Friedländer dort. Es wird 1912 abgerissen und anschließend ein vierstöckiges Jugendstil-Warenhaus errichtet.

1949

Das Kaufhaus geht in DDR-Eigentum über und wird seit 1950 von der Handelsorganisation HO übernommen. 1958 wird es in die DDR-Kaufhauskette „Centrum“ eingegliedert.

1990

Nach der DDR-Zeit geht das Haus wieder an den Quelle-Karstadt-Konzern zurück. Zu Karstadt gehörte das Haus bereits zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

2007

Karstadt verkauft das Görlitzer Warenhaus an eine englische Investorengruppe, die den alten Namen „Hertie“ wiederbelebt. Nach nur zwei Jahren ist nun Schluss.

Zukunft

Die Zukunft des Hauses ist völlig offen. Eine Berliner Immobiliengesellschaft vermarktet im Auftrag der Besitzer das Gebäude. Zwei Bewerber haben ernsthaftes Interesse am Haus.


 

Samstag, 15. August 2009
(Sächsische Zeitung)


Noch einmal Fahrstuhl fahren


Der Fahrstuhl ist ja so alt wie das Haus selbst“, sagt der Tourist mit dem Fahrradhelm unterm Arm zu seiner Frau und grinst. Sie mustert die Sprelacartplatten und das vorsintflutliche Bedienpult des Aufzugs. Dann ruckt der Fahrstuhl an. „Hoffentlich bleiben wir nicht stecken“, sagt die Frau mit Blick auf das Telefon, das vermutlich aus den 1960ern stammt. Trotz aller Witzeleien hat der Aufzug selten versagt. Die meisten Kunden akzeptierten, dass keine Rolltreppen eingebaut wurden. Also: Noch einmal Fahrstuhl fahren gehen!

Samstag, 15. August 2009
(Sächsische Zeitung)


Ein letztes Foto schießen


Auf Schritt und Tritt stolpert man schon seit Monaten über die Hobbyfotografen im Kaufhaus. Auf den Treppen, in den Gängen und gleich am Eingang standen sie selbstvergessen mit ihrer Fototechnik. Ohne Zweifel: Das wunderschöne Kaufhaus ist wohl DAS Görlitzer Fotomotiv des Jahres. Spätestens nachdem klar war, dass Hertie seine Türen schließt, mischten sich auch immer mehr Görlitzer unter die Touristen. Also: Heute ist die letzte Gelegenheit, das Haus in all seiner Pracht von innen zu fotografieren.

 

Die letzten Stunden von "HERTI" beginnen am 15.08.2009 pünktlich wie immer um 9.00 Uhr

Montag, 17. August 2009
(Sächsische Zeitung)

 

Erneut Ansturm am letzten Tag im Hertie-Kaufhaus

Görlitz. An seinem letzten Tag erlebte das Hertie-Kaufhaus am Sonnabend noch einmal einen Ansturm. Zwischen 9 bis 18 Uhr gingen die meisten Waren weg. Zuletzt hatte es auf viele Produkte einen Nachlass von 90 Prozent gegeben. „Die Waren hatten für viele Kunden keinen Wert mehr“, bestätigt Betriebsratsvorsitzender Armin Schneider. Es wurde nur noch in den Regalen und an den Tischen gewühlt, vieles einfach runter geworfen und liegen gelassen. Der Eingangsbereich des Jugenstil-Gebäudes war bereits am Vormittag mit Papier und Zigarettenkippen verschmutzt. Es kamen aber auch noch einmal viele Kunden und Touristen, um Abschied zu nehmen oder ein letztes Foto zu schießen. Einige Verkäuferinnen gingen am Abend mit Blumen nach Hause – von Stammkunden. (SZ/ah)

Parfümerie Thiemann: Eine zusätzliche Wand aus Regalen wird im Warenhaus die Parfümerie von der leerstehenden großen Halle trennen

 

Montag, 17. August 2009
(Sächsische Zeitung)








Parfümerie Thiemann sorgt für offene Tür im Kaufhaus

Von Carla Mattern

Heute wird umgebaut. Morgen soll die Filiale am Postplatz ganz normal weiterlaufen. Wie lange, das weiß momentan niemand zu sagen.

 

So richtig vorstellen kann sich das kaum jemand in Görlitz. Aber es ist tatsächlich so: Obwohl der Warenhauskonzern Hertie am vergangenen Sonnabend die Türen in Görlitz für immer geschlossen hat, gibt es in dem Haus weiter die Filiale der Parfümerie Thiemann.

Damit das möglich ist, wird heute umgebaut. Es werden Regale so gestellt, dass Kunden zwar in den Bereich der Parfümerie, nicht aber in die große Halle des Jugendstilkaufhauses können. Eigentlich wollte Inhaber Bodo Thiemann Trockenwände aufstellen lassen. Das sei aber nicht möglich. „Jetzt machen wir das so, wie vom Bauamt vorgeschlagen“, sagt der Bautzener. Mit Mitarbeitern vom Denkmalschutz, vom Bauamt, von der Feuerwehr und der Hertie-Chefin Ilona Markert sei man vor Ort gewesen, habe nach einer Lösung gesucht. Es sei eine gute Zusammenarbeit.

Der Bestandsschutz bleibt

Trotzdem wird es eine Zwischenlösung sein, was die Kunden im Eingangsbereich des Kaufhauses vom Demianiplatz aus in den Räumen der Parfümerie erwartet. Ab Dienstag soll hier wieder geöffnet sein. Wie die Kunden auf diese Abtrennung reagieren, und was auch Touristen sagen, die eigentlich erwarten, sich das Jugendstilkaufhaus ansehen zu können? Das wird sich zeigen. Viele Görlitzer rätseln auch um das Durchhaltevermögen der Thiemanns. Wie lange bleiben sie in dem großen und ansonsten leeren Kaufhaus als Einzelkämpfer? Bodo Thiemann kann das nicht sagen: „Was gestern Grün war, ist heute Rot.“ Der Geschäftsmann will sich aber nicht entmutigen lassen. „Wir wollen versuchen, erst einmal drin zu bleiben, möglichst bis es eine Lösung für das Kaufhaus gibt“, sagt er. Es gibt einen Mietvertrag mit dem Eigentümer. Aber da der verkaufen will, ist unklar, ob ein neuer Besitzer auch eine Parfümerie in dem Haus haben will.

Eines weiß der Bautzener Geschäftsmann aber ganz genau. Er wollte nicht einfach seine vier Mitarbeiterinnen aus der Hertie-Filiale in die Arbeitslosigkeit schicken. Thiemann hofft, dass sein Bleiben nicht nur den Bestandsschutz für das Haus rettet, sondern auch die Aufmerksamkeit darauf lenkt und so einer Lösung dienlich ist.

 

 

 

Dienstag, 18. August 2009
(Sächsische Zeitung)

Von Besichtigungen kann ein Warenhaus nicht leben

Leserbrief - Zur Schließung des Görlitzer Warenhauses:


Das Auf und Ab des Görlitzer Warenhauses ist nach der Wende eher das „Ab“ gewesen. Nicht 1958, sondern 1968 wurde das Howa (HO Warenhaus) in die VVW Centrum (Vereinigung Volkseigener Warenhäuser) integriert.

1967 beendete ich mein Studium an der Fachschule Binnenhandel in Görlitz und erhielt einen Arbeitsvertrag mit der VVW Centrum. Seit dieser Zeit war das Warenhaus ein beliebter Einkaufstempel in Görlitz. Viele internationale Verkaufswochen mit äußerst interessanten Angeboten u.a. aus Ungarn, Bulgarien, damals CSR oder Polen belebten das Versorgungsgeschehen. Erst nach der Wende wurde das Warenhaus in Görlitz in eine unbedeutende Kategorie eingeordnet. Dies war die Ursache, warum die Görlitzer „ihr schönes Warenhaus“ nicht mehr so attraktiv beurteilten. Nur von touristischen Besichtigungen kann eine Handelseinrichtung nicht leben.

Aber die noch verbliebene Belegschaft mit Schlampigkeit, Diebstahl und Unhöflichkeit seitens der Kunden zu strafen, das ist wohl mehr als fehl am Platz. Mitarbeiter, die fast 40 Jahre in diesem Hause gearbeitet haben, denen muss man Respekt zollen. Es ist erstaunlich, wie Investorengruppen agieren. Stehen sie auch nach der Schließung von Häusern vor einem Nichts? Egal, von welchen Managern man hört, für sie gibt es immer Millionenabfindungen. Wenn es keine fleißigen Ameisen mehr gibt, die für sie arbeiten, dann wird es wohl hoffentlich einen Aha-Effekt geben, denn durch den Fleiß von Managern ist noch kein Vermögen entstanden. Vermögen schafft man mit Schaffung von Werten und wer schafft das wohl?
Irene Heppner, 02828 Görlitz

 

Die Parfümerie Thiemann wird ab heute wieder im Görlitzer Kaufhaus öffnen. Gestern wurde behelfsmäßig umgebaut: Den Weg in den Lichthof versperren nun diese Einkaufsregale. Ob es nochmals zu einer anderen Lösung kommt, ist derzeit nicht abzusehen. Auch das Aufräumen der Hertie-Mitarbeiter ging gestern weiter: Werbung und Fahnen verschwanden vom Gebäude. Foto: Nikolai Schmidt

 

Dienstag, 18. August 2009
(Sächsische Zeitung)


Thiemann öffnet wieder im Görlitzer Kaufhaus

 

Vorgezogener Beginn wegen Kaufhaus-Touristen

Die Parfümerie Thiemann hat bereits gestern Nachmittag wieder ihre Filiale im Görlitzer Kaufhaus geöffnet. Ursprünglich hatte Inhaber Bodo Thiemann beabsichtigt, erst heute früh wieder zu öffnen. „Die Leute haben vor der Tür gestanden und getrommelt, um einen Blick ins Kaufhaus zu werfen“, sagte Thiemann gestern gegenüber der SZ. „Da haben wir geöffnet.“ Besucher wie Kunden sehen jetzt gleich hinter dem Eingang ins Kaufhaus eine Reihe leerer Regale, der Lichthof selbst ist nicht erreichbar. Ob sich das bald ändert, darüber verhandeln noch die zuständigen öffentlichen Stellen.

 

 

Gespräch ohne Ergebnis

Die Mitarbeiter von Hertie räumten gestern die Verkaufseinrichtungen im Haus ab. Auch die Hertie-Fahnen auf den Balkons des Gebäudes wurden eingezogen. Am Nachmittag trafen sich auf Einladung der Gewerkschaft verdi Belegschaftsvertreter, der Görlitzer OB Paulick, Sozialdezernentin Martina Weber vom Landkreis, Vertreter der Görlitzer Wirtschaftsförderung, der IHK, der Arbeitsagentur und des Wirtschaftsministeriums.

Ziel des Gesprächs war es, in letzter Minute eine Auffanglösung für die 46 Mitarbeiter zu finden. Sie sind ab nächster Woche arbeitslos, und wie verdi-Ostsachsen-Vorsitzende Heiderose Förster mitteilt, „ohne jegliche Abfederung“: Ohne Sozialplan, ohne Abfindung, ohne Kündigungsfristen. „Wir haben noch mal gefordert, dass der Hertie-Besitzer seine soziale Verantwortung wahrnehmen muss“, sagte Frau Förster nach dem Gespräch. Noch ist nichts Spruchreifes bei den Gesprächen herausgekommen. Eine Lösung müsste nach Gewerkschaftsangaben bis spätestens Donnerstag gefunden sein. Dann findet die letzte Belegschaftsversammlung der Hertie-Mitarbeiter in Görlitz statt.

Reisebüro wird fortgesetzt

Die ersten Hertie-Mitarbeiter haben sich unterdessen selbstständig gemacht. So eröffnen Angela Buse und Sabina Otto am Sonnabend ihr Reisebüro auf dem Demianiplatz 26. Beide waren zuvor im Hertie-Reisebüro tätig, Frau Otto als Auszubildende.


Für das Kaufhaus selbst zeichnet sich noch keine Perspektive ab. Einer der Kaufinteressenten, die Bonner Firma Phoenix Development, wartet weiter auf eine Reaktion des englischen Eigentümers auf eine Kaufofferte. „Wir haben in der vergangenen Woche nochmals unser Interesse unterstrichen und ein Angebot unterbreitet“, erklärt Stephan Schnitzler von dem Bonner Projektentwickler. Phoenix Development hat von Hertie bereits die Häuser in Mettmann und Wesseling übernommen, außer für Görlitz bieten die Bonner noch für ein weiteres Kaufhaus von Hertie. Nach SZ-Informationen hat mindestens ein weiteres Mode-Kaufhaus Interesse am Görlitzer Jugendstilhaus.

Shoppen zwischen halbleeren Regalen: Das Hertie-Kaufhaus nahm leise, aber schmerzhaft Abschied von den Görlitzern und ihren Gästen.

Sag zum Abschied leise “Servus”

von Uwe Menschner – 21.08.2009

Görlitz, Wirtschaft NIEDERSCHLESISCHER KURIER

Sonnabend, der 15. August 2009, 16.00 Uhr. Vier Mal schlägt die Glocke der Görlitzer Frauenkirche. Eine Gruppe Kinder vergnügt sich an den Wasserspielen auf dem Marienplatz. Vor dem Eingang des Kaufhauses, nur wenige Meter entfernt, sitzt ein Straßenmusikant und entlockt seinem Akkordeon melancholische Töne.

Görlitz. Es ist ein sonniger, warmer, aber nicht zu heißer Samstagnachmittag. Ideal geeignet für einen Ausflug ins Grüne, für Gartenarbeit oder für einen Abstecher ins Freibad. Viele Görlitzer und Gäste der Stadt haben an diesem herrlichen Sommertag jedoch ein anderes Ziel: Das Hertie-Kaufhaus am Demianiplatz, das an diesem Tag zum letzten Mal seine Pforten geöffnet hat.

 

Rot ist die dominierende Farbe im Inneren des Kaufhauses: Rot-Weiße Absperrbänder trennen die bereits leer geräumten Ecken von den für die Kunden noch zugänglichen Bereichen. Vor einer Sitzbank stapeln sich rote Plastetüten mit leeren Verpackungen. Knallrote Schilder mit der Aufschrift „Sale“ (Ausverkauf) prangen von halb leeren Gittertischen, Banner mit demselben kurzen Text hängen von den Wänden. Eine dicke rote Linie durchkreuzt die Aufschrift „70 Prozent“, daneben steht, etwas dünner: 90 Prozent. Ganze zehn Prozent des ursprünglichen Preises bezahlen die Kunden am letzten Tag für das, was von der Auslage noch übrig ist. Ein Paradies für Schnäppchenjäger – allerdings nur noch für zwei Stunden.

Johanna Henkel interessiert sich nicht für die Schleuderpreise, mit denen Hertie versucht, die letzten Reste seines Warenbestandes noch an den Mann zu bringen. Sie steht an der Balustrade auf der oberen Galerie, schaut versonnen nach unten, hält einzelne Momente mit ihrer Kleinbildkamera fest. „Es ist sehr traurig, dass das Kaufhaus schließt“, meint sie. „Besonders traurig ist aber, wie sich einige Kunden in den letzten Tagen benommen haben. Verpackungen wurden aufgerissen, der Inhalt wild verstreut. Im Schuhladen konnte man gestern kaum noch laufen, weil überall Schuhe in den Gängen herumlagen.“

Bewunderung hegt die Görlitzerin hingegen für die Verkäuferinnen: „Wie sie die Situation wegstecken, verdient höchsten Respekt. Sie sind freundlich, lächeln und wirken gut gelaunt.“ Eine Beobachtung, die zumindest rein äußerlich zutrifft. Wie es im Inneren der Frauen aussieht, lässt sich nur erahnen. Auf sie wartet keine Abfindung, kein Sozialplan, nichts, was den Absturz in die Arbeitslosigkeit abfedern könnte.

17.00 Uhr. Fünf Mal schlägt die Glocke der Görlitzer Frauenkirche. Die Kinder toben noch immer durch das Wasser, auch der Straßenmusikant harrt unbeirrt aus. Die Gittertische und Regale sind noch um einiges leerer geworden. Die Auflösungserscheinungen sind unübersehbar: Aufgerissene Verpackungen liegen herum, einzelne Staubsauger-Filterbeutel verteilen sich über die gesamte Regalfront. Die Ansichtskarten sind restlos ausverkauft, nur ein Motiv, das den Reichenbacher Turm als Silhouette vor einem dunklen Himmel zeigt, hängt wie Blei an den Haken.

Auf den Wühltischen lag kurz vor Zapfenstreich alles wild durcheinander, da, wo es zuletzt fallen gelassen wurde

 

Von Verkaufskultur kann keine Rede mehr sein, alles liegt da, wo es zuletzt aus irgendeiner Hand fiel. Eine Gruppe polnisch sprechender Besucher amüsiert sich mit den Zuckertüten, die noch vom Schul-eingang übrig geblieben sind, setzt sie sich als Hüte auf die Köpfe und posiert so vor dem Fotografen. Eine junge Frau hat Mappen, Schulhefte und andere Schreibutensilien unter die Arme geklemmt und bewegt sich so zur Kasse. Andere schleppen beutelweise Strümpfe, Unterhosen und Wollhandschuhe davon. Der Ausverkauf läuft auf Hochtouren. Gerald Reinhold beobachtet das Treiben und macht sich seine Gedanken: „Das Hertie-Kaufhaus war ein echter Anziehungspunkt, ohne es wird das Görlitzer Zentrum aussterben“, prophezeit er düster. „Wenn wir wenigstens so etwas hätten wie das Bautzener Kornmarkt-Center, doch da gibt es in Görlitz leider nichts.“ Der Einzelhandel werde den Verlust seines Magneten schon bald spüren, auch für Touristen gebe es nun eine Attraktion weniger, so der Görlitzer, der nach eigenem Bekunden „oft hier eingekauft“ hat. Ein letztes Mal lässt er den Blick wandern auf die Galerien, zur gläsernen, handbemalten Kuppel, die das Görlitzer Kaufhaus so einzigartig machen, ihm aber auch die Chance nehmen, sich „modern“ zu präsentieren.

 

18.00 Uhr. Sechs Mal schlägt die Glocke der Frauenkirche. Die Mütter haben ihre Kinder aus dem Wasser gefischt. Im Kaufhaus ist die letzte Durchsage längst verklungen, routiniert und professionell wie an jedem Feierabend. Es ist ein stiller Abschied für das Kaufhaus, das auf eine 96-jährige Vergangenheit und auf eine höchst ungewisse Zukunft blickt. Der Straßenmusikant hat seinen Platz geräumt. Stattdessen bildet sich vor dem Eingang des Kaufhauses eine Traube von etwa 30 Menschen, die offenbar warten, dass etwas passiert – was genau, weiß jedoch keiner so recht. Tröpfelweise verlassen die letzten Kunden das Gebäude, die meisten mit prall gefüllten roten Hertie-Beuteln. Unter den Wartenden vor dem Eingang befindet sich auch ein Kamerateam des MDR.

 

Rot-Weiße Absperrbänder trennen die bereits leer geräumten Ecken von den für die Kunden noch zugänglichen Bereichen

Gegen 18.08 Uhr geht ein leichtes Raunen durch die Menge. Eine Mitarbeiterin verriegelt innerhalb weniger Sekunden von innen die Eingangstür, zieht sich danach fast fluchtartig wieder ins Innere zurück. War dies der historische Moment, auf den die Schaulustigen gewartet haben? Plötzlich entlädt sich der Unmut eines etwa 50-Jährigen auf das Fernsehteam: „Was habt Ihr für die Rettung des Hertie getan?“, herrscht er die erschrockenen MDR-Leute an. „Gar nichts! Ihr seid weiter nichts als Paparazzi!“, kreischt er, nun schon fast außer sich. Das Team wollte sowieso gehen, zieht sich betont langsam zurück. Der Mann geifert ihm noch eine Weile hinterher, dann kehrt Ruhe ein. Die kleine Menge zerstreut sich. Irgendwann, im Laufe des Abends, werden die Mitarbeiterinnen das Gebäude durch einen Seiteneingang verlassen.

Hertie ist zu – für immer.

herti am 21.08
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