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Freitag, 22. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
Hertie – Ein Traditionsname verschwindet
Mit der Schließung der Hertie-Häuser verschwindet der
Markenname Hertie zum zweiten Mal. Er geht auf den Unternehmer Hermann Tietz zurück, dessen erstes Warenhaus 1882 in Gera eröffnet wurde. In den folgenden Jahrzehnten entstand aus dieser Keimzelle
einer der größten Warenhauskonzerne.
Als Karstadt das Unternehmen 1993 übernahm, verschwand der Name Hertie praktisch aus dem deutschen Handel. Nur ein Warenhaus am Münchner Hauptbahnhof trug noch diesen Namen.
Am 1. März 2007 wurde die Marke Hertie wiederbelebt: 73 „Karstadt-kompakt“– Häuser mit damals noch 4700 Mitarbeitern wurden umgewidmet und bekamen den Traditionsnamen Hertie verpasst. Die Rechte
daran hatte der Investor Dawnay Day beim Kauf der kleineren Karstadt-Filialen bereits miterworben.
Mit der Umbenennung wollte Dawnay Day die Abnabelung von Karstadt demonstrieren. Ausschlaggebend für die Wahl des Namens Hertie war, dass mit etwa 80 Prozent Bekanntheit fast jeder Bürger die Marke
kennt.(AP)
Freitag, 22. Mai
2009
(Sächsische Zeitung)
Die Uhr für Hertie ist in Görlitz abgelaufen
Von Sebastian Beutler
Fünf nach Zwölf hat es für das Görlitzer Kaufhaus in bester Innenstadtlage geschlagen. Hertie wird den Betrieb im Warenhaus nicht fortsetzen. Vermutlich nach einem Schlussverkauf von zwei Monaten schließt das Haus Ende Juli. Über 50 Mitarbeiter verlieren dadurch ihren Job – und ihr Tarif-Einkommen. Die Schließung des Hertie-Kaufhauses beunruhigt auch die Görlitzer Einzelhändler. Denn das Kaufhaus brachte Kunden nach Görlitz, die dann auch in umliegenden Geschäften einkauften.Foto: René Plaul
Nach einem Schlussverkauf schließt das Hertie-Kaufhaus in
Görlitz voraussichtlich Ende Juli. Das geht aus Informationen des Hertie-Insolvenzverwalters Biner Bähr hervor, nachdem die Gläubiger der Warenhauskette am Mittwochnachmittag die Schließung aller 54
Filialen von Hertie beschlossen hatten.
In Görlitz verlieren über 50 Mitarbeiter ihre Arbeit. Betriebsratsvorsitzender Armin Schneider äußerte noch am Mittwoch seine „Wut“ darüber, dass die Existenz des Kaufhauses an den überhöhten Mieten
der britischen Eigentümer Dawnay Day gescheitert ist. „Noch bis Dienstag hatten wir Hoffnung“, sagt Schneider. Dann kam die Nachricht, dass eine Investorengruppe doch nicht zum Zuge kommt. Das war
praktisch das Aus für Hertie. „Unsere Kollegen können das nicht verstehen“. Die Görlitzer Kaufhausleiterin Ilona Markert wollte sich nicht äußern.
Einzelhandel fürchtet Folgen
Auch bei den Görlitzer Einzelhändlern ist die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. „Das ist für Hertie, die Mitarbeiter und für Görlitz furchtbar“, erklärt Barbara Frühauf, die die
City-Fleischerei am Demianiplatz unweit von Hertie betreibt und zweite Vorsitzende des Aktionsrings Handel in der Görlitzer Innenstadt ist. Im Verein hat sich Hertie stark engagiert. Seine Gründung
geht auf den früheren Karstadt-Chef in Görlitz, Udo Timmers, zurück. Der 70-Jährige bedauert die Schließung gegenüber der SZ sehr. „Das Kaufhaus ist ein Stück Geschichte der Stadt und viel mehr als
nur ein Kaufhaus für Görlitz“, sagt Timmers, der das Haus acht Jahre führte. „Aber das interessiert die Engländer natürlich nicht.“ Für den Handelsexperten gibt es eine Summe von Gründen, die jetzt
zur Schließung geführt haben. So habe Hertie sehr spät das Sortiment richtig ausgerichtet. „Aber Hauptgrund ist sicher, dass die Mietkosten zu hoch lagen“, sagt Timmers.
Mit Hertie bricht ein Magnet für den Einzelhandel in Görlitz weg. „Hertie hatte sicher Schwierigkeiten“, sagt Frau Frühauf, „aber Hertie war ein starker Partner für uns.“ Sie fürchtet, dass nun der
Einzelhandelsstandort Görlitz gefährdet ist. Ihre Hoffnung: Neue Betreiber für ein Shop-in-Shop-Haus. Tatsächlich sucht Dawnay Day nach Käufern für das Gebäude. Udo Timmers ist aber nicht allzu
optimistisch. „Ich fürchte, dass es jahrelang zumindest nicht als Warenhaus genutzt wird“, sagt er. Denn das Haus entspricht nicht den heutigen Anforderungen an ein Warenhaus: Die Etagen seien zu
klein, die Logistik schwierig, die Aufzüge alt, Rolltreppen lässt der Denkmalschutz nicht zu, eine Klimaanlage ist ebenso kaum einzubauen. Hinzu kommen die erhöhten Anforderungen an den Brandschutz.
„Das wird ganz schwierig.“
Mitarbeiter werden arbeitslos
Vorerst ist wohl nichts daran zu ändern, dass ein in Deutschland einmaliges Kaufhaus mit dem historischen und sehenswerten Lichthof schließen wird. Armin Schneider wird wie seine Kollegen demnächst
zur Arbeitsagentur gehen. „Noch kann man sich das gar nicht vorstellen“, sagt er.
Freitag, 22. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
Finanzkrise führt Hertie-Besitzerin Insolvenz
Die SZ beantwortet vier wichtige Fragen rund um die Pleite des Warenhauses.
Woran ist Hertie zugrunde
gegangen?
Insolvenzverwalter Biner Bähr führt das auf die hohen Mieten zurück. Sie hätten im Durchschnitt 10 bis 20 Prozent des Umsatzes betragen. marktüblich seien 5 Prozent. Der
britische Hauptbesitzer errechnet die Miete allerdings nicht am Umsatz, sondern am Quadratmeterpreis. Er liege im Durchschnitt bei 5,93 Euro und damit unter dem der Konkurrenten wie Karstadt oder
Sinn Leffers.
Welche Fehler hat Hertie selbst
gemacht?
In drei Jahren saßen neun Geschäftsführer an der Spitze der Warenhauskette, am Anfang ein 25-Jähriger. „Sinnloser Aktionismus“ sowie „ein stetes Kommen und Gehen waren
an der Tagesordnung“, schreibt Biner Bähr. Geschäftsführung und Gesellschafter von Hertie haben zudem versäumt, auf die neuen Wünsche der Kunden zwischen Schnäppchenjäger und Premiumkunde zu
reagieren.
Ist die Hertie-Pleite eine Folge der
Finanzkrise?
Auch. Für die Hertie-Übernahme hat Dawnay Day an der Londoner Börse einen Immobilien-Hedgefonds eingerichtet. Anleger stecken Geld in das hoch spekulative Finanzprodukt,
weil sie erwarten, dass sich die Mieteinnahmen erhöhen und der Wert der Immobilien steigt. Mit diesem Fremdkapital erhält der Hedgefonds-Besitzer wiederum Geld zum Kauf weiterer Immobilien. Das geht
so lange gut, bis die Immobilien- und Bankenkrise Großbritannien erfasst. Dawnay Day muss im Juli 2008 Insolvenz anmelden.
Wer wollte Hertie
fortführen?
Eine Schweizer Investorengruppe meldete im Februar 2009 Interesse am Geschäft von noch rund 54 Hertie-Warenhäuser an. Dazu sollte auch Görlitz gehören. Diese Warenhäuser
waren als überlebensfähig eingeschätzt worden, andere 19 Warenhäuser wurden im Februar geschlossen. Bei den Investoren handelte es sich um erfahrene Handelsexperten, die alle Hertie-Warenhäuser
fortsetzen und nahezu sämtliche Arbeitsplätze erhalten wollten. Sie konnten sich aber mit Dawnay Day nicht über die Mietverträge einigen.
Nun wird der Immobilienvermarkter Atisreal aus Berlin einen neuen Besitzer auch für das Görlitzer Gebäude suchen. Im Februar bestätigte die Firma bereits, dass sie Gespräche über das Görlitzer Haus
führe. (SZ/dpa/sb)
Samstag, 23. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
OB geht für Kaufhaus auf Investorensuche
Von Carla Mattern
Die Schließung des Hertie-Kaufhauses ist zurzeit das meistdiskutierte Thema in
Görlitz. Das sagten am Freitag Einheimische und Touristen der SZ dazu:
Die Touristen
„So ein wunderschönes Kaufhaus wie das Görlitzer wird gar nicht mehr gebaut“, sagt Günter Horn. Mit Familienangehörigen stand er gestern bei Hertie, wollte noch einmal reingehen. „Wir sind nicht das
erste Mal hier “, sagt der Tourist aus Dresden. „Als es schon einmal hieß, dass es damals von Karstadt geschlossen werden sollte, sind wir extra nach Görlitz gefahren. Wir hatten von der Schönheit
des Hauses gehört und uns gesagt, das müssen wir uns unbedingt ansehen.“
Die Einheimischen
„Für die Mitarbeiter ist es schade“, sagt eine Deutsch Paulsdorferin. Sie hofft, dass sich schnell jemand findet, der die Hertie-Nachfolge antritt. „Ich werde das Haus mit seinem Angebot vermissen“,
so die Frau. Arnim Müller sieht das ähnlich. „Das Haus darf nicht lange zu sein, es ist einer der wichtigsten Anlaufpunkte in der Stadt“, sagt der Görlitzer. Von einem Nachfolger wünscht er sich,
„dass auch gewisse Extras geboten werden“. Viele Bekannte des Görlitzer fahren zum Einkaufen weg, meist nach Dresden und Berlin. Für Mann aus Ebersbach steckt in der Entscheidung zum Hertie-Kaufhaus
auch eine Chance. „Das war absehbar: Trotz der verschiedenen Schließungsabsichten haben sich in den Jahren der Service und die Atmosphäre nicht verbessert. Das Sortiment ist bescheiden“, sagt er. Für
die Mitarbeiter sei die Entscheidung tragisch. Möglicherweise brauche es für das Haus auch ein anderes Nutzungskonzept, so der Ebersbacher. „Vielleicht kommt jemand auf die Idee, eine moderne Disko
einzubauen, die Gäste auch von weiterher nach Görlitz zieht.
Die StadtPolitiker
Der Stadtverband der CDU erklärt seine Solidarität mit den Beschäftigten des Hertie-Standortes Görlitz. Er wird sich auf allen politischen Ebenen dafür einsetzen, dass der Kaufhausstandort in Görlitz
eine Zukunft hat. „Wir fordern die Staatsregierung auf, alles für den Erhalt der betroffenen Arbeitsplätze zu tun“, sagt Dieter Gleisberg, Fraktionsvorsitzender der CDU im Stadtrat. Schnelles Handeln
fordern auch die Görlitzer Linken. Primäres Ziel müsse es sein, das Görlitzer Kaufhaus zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern. „Unkonventionelle Lösungen müssen jetzt gedacht werden. Ein Weg
könnte sein, dass der OB, der Stadtrat und die Wirtschaftsförderung gemeinsam nach regionalen Investoren suchen, die ein Angebot für den Kauf des Hauses unterbreiten, um als Eigentümer bei moderaten
Mietpreisen Interessenten anzulocken“, so Mirko Schultze, der Vorsitzende des Ortsverbands der Linken. Eine Idee wäre die Schaffung eines Lausitzkaufhauses, in dem regionale Anbieter ihre Produkte
anbieten.
Der Oberbürgermeister
Das Interesse an Görlitz als Handelsplatz sei groß, so Joachim Paulick. Gemeinsam mit der Europastadt GmbH wurde bereits mit Investoren gesprochen, die aber noch ergebnislos waren. „Nun werden wir
aktiv auf die Suche gehen“, sagt der Oberbürgermeister.
Dienstag, 26. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
Kein Investor für Hertie in Görlitz
Von Sebastian Beutler
Bis Ende des Jahres hofft Berliner Immobilienfirma auf den Verkauf des Hauses.
Für die Übernahme des Görlitzer Hertie-Kaufhauses gibt es derzeit keine Verhandlungen mit einem Investor. Das erklärte Christoph Meyer vom Berliner Immobilien-Vermarkter Atisreal.
Die Firma ist vom Hertie-Eigentümer mit der Vermarktung der Kaufhäuser beauftragt worden. Meyer gab sich aber zuversichtlich, dass auch für Görlitz bis Ende des Jahres eine Nachfolgelösung gefunden
wird. „So schlimm es für die Belegschaft von Hertie ist“, erklärte Meyer, „aber für die Vermarktung der Häuser ist die Klarheit jetzt besser.“ Viele Investoren hätten sich zwar bislang auch schon für
Hertie-Standorte interessiert, aber wegen der Unsicherheiten über die Zukunft der Kaufhauskette abgewartet. Nun spüre er neues Interesse. Die Kaufhäuser würden jetzt in kleinere Einheiten aufgeteilt
und verkauft.
Bei Görlitz erschwerten die hohen Auflagen des Denkmalschutzes wie auch die geringe Kaufkraft einen Verkauf. Daher werde das hiesige Kaufhaus nicht zu den ersten verkauften gehören. Da aber mit den
Erlösen aus der ersten Verkaufsrunde auch der Druck auf die Hertie-Alteigentümer sinkt, würde es für das Görlitzer Haus anschließend einfacher. „Dann ist man auch bereit, Zugeständnisse zu
akzeptieren, die in der ersten Runde nicht akzeptabel schienen“, erklärte Meyer gegenüber der SZ.
Mittwoch, 27. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
CDU sammelt Unterschriften
Sie sollen Druck bei der Investorensuche für das Hertie-Kaufhaus machen. Kanzlerin Merkel erhält sie.
Görlitz. Die CDU sammelt
gegenwärtig Unterschriften für eine schnelle Nachnutzung des Hertie-Kaufhauses. Sie sollen Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch am kommenden Mittwoch in der Neißestadt übergeben sowie an
die Staatsregierung gesandt werden. Das teilte Walter Oeckl von der CDU gestern mit. „Die Investorensuche muss sofort und beherzt in Angriff genommen werden“, erklärte Oeckl. Vor allem müsse erreicht
werden, dass das Gebäude mit seiner einmaligen Kaufhaus-Architektur für die Görlitzer und ihre Gäste zugänglich bleiben muss.
Die Gläubiger von Hertie hatten in der vergangenen Woche entschieden, alle Kaufhäuser der Kette zu schließen. Für den Sonderschlussverkauf hat Hertie rund zwei Monate vorgesehen, so dass das
Görlitzer Haus spätestens Ende Juli schließen würde. (SZ/sb)
Freitag, 29. Mai 2009
(Sächsische Zeitung)
Merkel soll zu Hertie gehen
Gewerkschaft lädt Kanzlerin am Mittwoch ins Görlitzer Kaufhaus ein.
Görlitz. Die Gewerkschaft verdi will Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Görlitz-Besuch am kommenden Mittwoch ins Hertie-Kaufhaus einladen. Das erklärte gestern Heiderose
Förster, verdi-Chefin für Ostsachsen. „Damit wollen wir auf die Situation der über 50Mitarbeiter, darunter auch Auszubildende, nach der Schließungsankündigung aufmerksam machen“, sagte sie der
SZ.
Die Gewerkschaft setzt weniger Hoffnungen auf einen Sozialplan als vielmehr auf eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter. „Hertie hat Insolvenz angemeldet, da dürfte kaum Geld für einen
Sozialplan vorhanden sein. Wenn es gelingt, wäre es schön, aber die Hoffnung ist ganz gering“, sagte Frau Förster. Für die Mitarbeiter gebe es kaum Perspektiven. Daran änderten auch die 40 freien
Stellen im Handel, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet seien, nichts. „Anders als bei Hertie sind das vorwiegend Stellen im Niedriglohnsektor“, sagt Frau Förster.
Sie erneuerte ihre bereits vor einigen Wochen geäußerte Kritik an Oberbürgermeister Joachim Paulick. „Er hat viel zu wenig getan für sein Hertie-Kaufhaus“, erklärte sie. Um auf Investorensuche zu
gehen, habe er eineinhalb Jahre Zeit gehabt. Statt dessen kündige er sie jetzt an. (SZ/sb)
Montag, 1. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Das Kaufhaus darf nicht schließen
Von Sebastian Beutler
Dass das Hertie-Kaufhaus bald verschlossen und verrammelt
dasteht, damit kann sich Peter Mitsching nicht abfinden. Der Görlitzer Stadtbildpfleger und Leiter der Denkmalbehörde führt gern Touristen in das Haus mit seiner einzigartigen Kaufhaus-Architektur.
„So etwas gibt es deutschlandweit nur noch in Görlitz“, sagt er. „Wenn das erst einmal schließt, dann droht eine zweite Stadthalle“. Denn ungenutzt, könnte Mitsching verpflichtet sein, von Amts wegen
vor die Fenster des Kaufhauses wie bei der Stadthalle Stahlbleche nageln zu lassen, um Schäden zu verhindern.
Doch so weit will es Mitsching gar nicht erst kommen lassen. Deshalb verfolgt er aufmerksam die gegenwärtige Diskussion, in der es immer wieder Ideen für das Haus gibt. Linken-Chef Mirko Schultze hat
den Gedanken eines Lausitz-Kaufhauses ins Spiel gebracht, CDU-Fraktionsvorsitzender Dieter Gleisberg hat an alle appelliert, das Haus ja nicht zu schließen. Das hält auch Mitsching für wichtig. „Geht
der Bestandsschutz verloren und müssen die hohen Auflagen des bundesdeutschen Baurechts erfüllt werden, dann wird es ganz schwer, das Haus wieder als Kaufhaus zu nutzen“, sagt Mitsching.
Einzigartiges Denkmal
Auch ihm gehen zahlreiche Ideen durch den Kopf. Beispielsweise die: Die Stadt könnte Ein-Euro-Jobber als Wächter vor die Tür setzen und das Haus wenigstens für Touristen im Erdgeschoss offen halten.
Oder die: Wie im Hamburger Gänsemarkt könnte eine internationale Garküche an der nächsten stehen. Es sind wilde Ideen, nicht geprüft. Aber sie sollen Stillstand abwehren.
Natürlich geht das nur für eine Übergangszeit, bis ein Investor gefunden ist. Doch die Zeit für die Suche nach ihm verrinnt. Das bereitet ihm die größten Sorgen. „Am schlimmsten wäre es, wenn jemand
mit Geld kommt, aber die Bedingungen diktieren will“, sagt er. Denn beim Kaufhaus steht ein Denkmal von europäischem Rang auf dem Spiel.
Davon ist der Denkmalschützer überzeugt. Daher will er am liebsten bei Bau- und Kulturinstitutionen deutschlandweit um Hilfe und Unterstützung nachsuchen. „Dieses Haus bildet in seiner äußeren und
inneren Gestaltung eine Einheit. Diese Einmaligkeit zu verändern durch Massivdecken oder Rolltreppen, wäre eine Katastrophe.“ Dazu würde Mitsching nie die Erlaubnis geben.
Er hat eine besondere Beziehung zum Kaufhaus. Im Winter 1985 wurde die Lichtkuppel saniert. Mitsching arbeitete damals beim Büro für Stadtplanung und leitete die Arbeiten. Mit über 20 Malern saß er
zwei Monate auf einem wackligen Gerüst, um jede der 600 Scheiben neu zu bemalen. Seitdem kann er sich an der Kuppel nicht genug satt sehen. Und es ärgert ihn, dass Hertie nie die Chancen des Hauses
gesehen hat. Zu spät und zu wenig seien die Fenster geöffnet worden, der freie Zugang zur großen Aufgangstreppe wird durch die zentrale Kasse im Erdgeschoss verstellt.
Kompromisse möglich
Wer immer in das Haus investieren will, wird mit Mitsching reden müssen. Der versperrt sich nötigen Kompromissen nicht. Eine Rolltreppe könnte beispielsweise statt des großen Lagers gegenüber des
City-Centers eingerichtet werden. Auch neue Fahrstühle könnte er sich vorstellen. „Es gibt Möglichkeiten, das Haus modern zu gestalten, ohne die Struktur zu verletzen.“ Vor allem für ein
Shop-in-Shop-Kaufhaus sei das Haus bestens geeignet. Nur: „Man muss eben den Investor finden“. Auf ein Wort
Dienstag, 2. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Keine zweite Stadthalle zulassen
Carla Mattern
Von mattern.carla@dd-v.de
über das Jugendstil- Kaufhaus
Das wunderschöne und einzigartige Kaufhaus im Herzen von
Görlitz darf nicht schließen. Nicht einen einzigen Tag. Das sagt der Görlitzer Denkmalpfleger Peter Mitsching.
Seine Ideen, die er erst einmal ungeprüft öffentlich macht, verblüffen. Eine Ansammlung von Garküchen in dem ehrwürdigen und zurzeit sehr betulichen Haus etablieren? Das wäre eine Sensation. Auch die
Idee vom Lausitz-Kaufhaus klingt sehr reizvoll.
Sie provozieren Fragen. Wie soll das gehen? Wer organisiert, wer finanziert das? An den Antworten und Reaktionen wird viel über Görlitz und die Görlitzer abzulesen sein.
Wird mehr Geist und Kraft darauf verwendet, zu begründen, warum es sowieso nicht geht, haben wir die zweite Stadthalle.
Mittwoch, 3. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Merkel geht nicht zu Hertie – Tillich zu Gespräch bereit
Görlitz. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird heute aus Termingründen nicht das Hertie-Kaufhaus besuchen, das vor der Schließung steht. Allerdings will Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) am Rande der Wahlkundgebung auf dem Marienplatz mit Vertretern des Hertie-Betriebsrates sprechen, teilte die CDU gestern mit. „Der Eigentümer ist in der Pflicht, sich für das denkmalgeschützte Kaufhaus einzusetzen“, teilte Tillich mit. Die Immobilie verliere an Wert, wenn sie erst einmal geschlossen würde, so Tillich. Oberbürgermeister Joachim Paulich (Zur Sache e.V.) traf sich gestern ebenfalls mit dem Betriebsratsvorsitzenden Armin Schneider und Kaufhaus-Chefin Ilona Markert. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass es weitergeht“, sagte Paulick anschließend. (SZ/fs)
Mittwoch, 10. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
OB Paulick setzt sich bei Deutscher Bank für Hertie-Erhalt ein
Görlitz. Oberbürgermeister Joachim Paulick hat sich gestern gemeinsam mit anderen Bürgermeistern von Städten mit Hertie-Standorten bei der Hauptverwaltung der Deutschen Bank in
Frankfurt für den Erhalt der Warenhäuser eingesetzt. Die Bürgermeister appellierten an die Bank als das den Verkauf von Hertie an Dawney Day finanzierende Bankhaus, durch ein gezieltes Engagement die
Liquidierung von Hertie zu verhindern.
Die Deutsche Bank habe betont, dass sie in diesem Zusammenhang keine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolge, sagte Paulick. Sie wolle sich für konstruktive Lösungen für die Standorte einsetzen
und habe sich bereit erklärt, als Moderator einen Gesprächstermin zwischen dem Eigentümer der Immobilien, dem Insolvenzverwalter, möglichen Investoren und Vertretern der betroffenen Kommunen zu
organisieren, um alle Lösungsmöglichkeiten auszuloten.
Während des Gespräches übergab Paulick die 1 803 Kundenunterschriften umfassende Liste zur Verhinderung der Schließung des Görlitzer Hertie-Kaufhauses. Er unterstrich die besondere Architektur des
Görlitzer Hauses, das als deutschlandweit einmaliges Schmuckstück unbedingt entweder durch Hertie oder auch einen anderen Betreiber offen gehalten werden müsse. Die Görlitzer Denkmalschützer könnten
Investoren versichern, dass es Möglichkeiten gibt, das Haus modern zu gestalten, ohne die Struktur zu verletzen, sagte der Oberbürgermeister. (SZ/pc)
Donnerstag, 11. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Tillich will bei Hertie-Rettung helfen
Von Carla Mattern
Sachsens Ministerpräsident hat mit Insolvenzverwalter Biner Bähr gesprochen. Die Idee vom Lausitzkaufhaus hat zurzeit keine Chancen.
Viele Ideen und Vorschläge gibt es. Sie wollen entweder das
Hertie als Kaufhaus erhalten oder aber mindestens dafür sorgen, dass das Haus im Herzen der Stadt als Magnet für Touristen erhalten bleibt. Wie es um die Initiativen steht, hat SZ gestern
erfragt.
Der linke Stadtrat
Wenn Hertie geht, könnte das Haus als Lausitzkaufhaus geöffnet bleiben, schlug Mirko Schultze von den Linken Ende Mai vor. Die Idee: Regionale Investoren sollen das Haus kaufen und an regionale
Erzeuger günstig vermieten. Die bieten ihre Waren an, und das Haus ist ein Anziehungspunkt für Einwohner und Touristen. Das klingt gut, fordert aber viel Engagement, um potente Partner erst an einen
Tisch und dann zum Mitmachen zu bringen. So weit ist es nicht. Im Technischen Ausschuss des Stadtrats hat Mirko Schultze diese Idee schon angesprochen. Entscheidungen müssen die neu gewählten
Stadträte treffen, sagte er gestern. Immerhin: Das Lausitzkaufhaus findet Interesse. Erst gestern Vormittag sahen sich die Mitglieder des Tourismusausschusses des Deutschen Bundestages im
Hertie-Kaufhaus um. „Wir werden die Idee weiter verbreiten“, sagt Schultze, „organisieren muss das die Stadt Görlitz.“
Der Ministerpräsident
Am vergangenen Mittwoch hatte Ministerpräsident Stanislaw Tillich nach der CDU-Wahlveranstaltung mit Hertie-Mitarbeitern gesprochen. In der Zwischenzeit suchte er Kontakt zu Biner Bähr, dem
Insolvenzverwalter von Hertie. „Der Ministerpräsident hat gesagt, dass der Freistaat den Insolvenzverwalter unterstützen wird, Stanislaw Tillich auch in seiner Person“, sagte Michael Kretschmer,
Generalsekretär der Landes-CDU gestern. Tillich sehe die Deutsche Bank, die Hertie an den Immobilieninvestor Dawnay Day verkauft hatte, in der Pflicht, jetzt zu vermitteln. Auf der Prioritätenliste
ganz oben stehe das Ziel, die Schließung von Hertie zu verhindern, am besten in einer Verbundlösung.
Der Denkmalschützer
Peter Mitsching hat viele zustimmende Reaktionen auf seine Äußerungen zum Hertie-Kaufhaus bekommen. Er hatte Anfang Juni einen eindrucksvollen Appell gestartet, das Haus unbedingt offen zu halten,
auch durch Übergangslösungen. Ein-Euro-Jobber könnten als Wächter vor der Hertie-Tür sitzen und Touristen einlassen. Oder eine internationale Gärküche könnte eingerichtet werden. Vor allem dürfe das
Haus nicht durch Umbauten verschandelt werden, fordert der Leiter der Görlitzer Denkmalbehörde. „Wir bleiben dran“, sagt er. Man werde mit Investoren nach Lösungen suchen.
Der Oberbürgermeister
Joachim Paulick (Zur Sache!) setzt auf den Runden Tisch, den die Deutsche Bank einberufen und moderieren will. Das sieht er als wichtiges Ergebnis seines Besuchs in Frankfurt/Main, wo sich die
Bürgermeister der von Schließung bedrohten Hertiestandorte am Dienstag getroffen hatten. Aus dem sächsischen Wirtschaftsministerium sei die Zusage da, Görlitz Hilfe zu leisten. Das sagte der
Oberbürgermeister gestern. Dass die Stadt das Kaufhaus am Demianiplatz selbst kauft und weitervermietet, schloss der OB quasi aus. „Wir kennen den Kaufpreis nicht, müssten andere Projekte
hintenanstellen“, sagte er. Es müsse als Kaufhaus erhalten bleiben. „Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos.“ Charme habe das Haus nur, wenn Leben drin bleibt. Auf ein Wort
Dienstag, 16. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Hertie-Mitarbeiter sammeln heute Unterschriften und bieten Kuchen an
Görlitz. Die Mitarbeiter des
Hertie-Kaufhauses beteiligen sich heute an einem bundesweiten Protest. Bei einer Aktion, die symbolträchtig fünf nach 12 Uhr beginnt, wollen sie mit Kunden ins Gespräch kommen und Unterschriften
sammeln für den Erhalt des Hertie-Hauses.
Die 2700 Mitarbeiter der insolventen Warenhauskette wollen sich Gehör verschaffen, teilt Bernd Horn, der Vorsitzende des Hertie-Gesamtbetriebsrates mit. „Für den Erhalt all dieser Arbeitsplätze
brauchen wir lediglich von den Eigentümern Dawnay Day für die Hertie- Immobilien marktgerechte Mietverträge“, so Horn.
Die Görlitzer Hertie-Mitarbeiter bieten den Kunden unter den Arkaden am Haupteingang des Kaufhauses Kaffee und Kuchen an. Ihre Aktion steht unter dem Motto: „Wenn bei Hertie die Lichter ausgehen,
verliert auch die Stadt an Glanz“. „Wir wollen mit unseren Kunden ins Gespräch kommen“, sagt Armin Schneider vom Görlitzer Hertie-Betriebsrat. Außerdem werden die Kunden natürlich gebeten, für den
Erhalt der Hertie-Häuser zu unterschrieben. Die Protestaktion werde etwa 30 bis 34 Minuten dauern, so Betriebsratsvorsitzender Schneider. Das Kaufhaus hat auch während der Aktion geöffnet, allerdings
in Mindestbesetzung.
Unterstützt wird dieser Protest bei Kaffee und Kuchen von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Sollte Hertie geschlossen werden, sei für die Kunden die Innenstadt weniger attraktiv. Das könne sich
auch auf viele andere Arbeitsplätze im Umfeld auswirken, sagt Heiderose Förster, Bezirksgeschäftsführerin Verdi Ostsachsen. (SZ/cam)
Mittwoch, 24. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Parfümerie bleibt länger als Hertie
Von Carla Mattern
Seit der Insolvenz der Warenhauskette Hertie vor elf Monaten leben in Görlitz nicht nur die 50 Mitarbeiter von Hertie in
Sorge um die Zukunft. 17 Arbeitsplätze bei eingemieteten Firmen sind seitdem direkt von der geplanten Schließung bedroht. Mit dem heute beginnenden Abverkauf steht für sie wie für die 50 Mitarbeiter
das nahe Ende fest.
Parfümerie Thiemann
Am Haupteingang des Hertie-Kaufhauses liegen die Verkaufsflächen der Parfümerie Thiemann. „Ein guter Standort ist das“, sagt Geschäftsfrau Evelyn Thiemann. Trotz der monatelangen Unsicherheiten um
die Zukunft des Hauses und seiner Mieter haben die vier Thiemann-Mitarbeiterinnen keine Kündigung bekommen. Gestern nun erfuhr Bodo Thiemann vom Start des Abverkaufs. „Wir wollen trotzdem im Kaufhaus
weitermachen, auch nach der Schließung von Hertie“, sagt Geschäftsfrau Evelyn Thiemann. Seit der Insolvenz hatte das Unternehmen für das Hertiehaus in Görlitz einen monatlich kündbaren Mietvertrag.
Erst hieß es, dass zum 31. Juli, dann zu Ende August geschlossen werden soll. Mittlerweile wurde ein neuer Mietvertrag verhandelt und unterzeichnet. Die Konditionen seien vertretbar, so Thiemann.
Zumindest für eine Weile werde man versuchen, den Standort zu halten. „Wir hoffen, das es weitergeht.“ Mit noch einigen weiteren Mietern könnte das Haus vielleicht offen bleiben. „Der Händlerverband
von Görlitz müsste aktiv werden und einen Aufruf starten, damit einige Flächen vermietet werden“, sagt Evelyn Thiemann. „Wenn das Haus einmal zu ist, bleibt es auch zu.“ Da ist sie gleicher Meinung
wie beispielsweise der Görlitzer Denkmalschützer Peter Mitsching.
In Görlitz betreibt die in Bautzen ansässige Parfümerie Thiemann mit lausitzweit elf Geschäften und 50 Mitarbeitern noch zwei weitere Filialen in der Straßburg-Passage und bei Marktkauf in
Königshufen.
Friseur Essanelle
In der dritten Etage hat die Firma Essanelle eine Filiale mit neun Mitarbeiterinnen. Wie es weitergeht, das wussten bis gestern Nachmittag die Friseurinnen nicht. Auch über den Start des Ausverkaufs
waren sie noch nicht informiert. Für Donnerstag hat sich aber eine Bereichsverantwortliche angemeldet. Alle Essanelle-Mitarbeiterinnen sind eingeladen. „Wir haben noch keine Lösung für Görlitz“, sagt
Achim Mansen, Vorstandsvorsitzender von Essanelle.
Wiener FeinBäcker Heberer
Ungewissheit herrscht auch bei der Chefin der Heberer-Filiale Carmen Wolf und ihren drei Mitarbeiterinnen. „Wir wissen nur, was in der Zeitung steht. Ob am Monatsende die Kündigung kommt? Niemand
weiß etwas“, sagt Carmen Wolf. Die Ungewissheit zerrt an den Nerven, das bestätigt auch Verkäuferin Heiderose Hilbig. Viele der täglich 400 Kunden in dem Geschäft an der Ecke zur Frauenkirche fragen
nach. Auch wenn das sozusagen außerhalb des Gebäudes ist, Wasser und Energie kommen von drinnen. Seit elf Jahren betreibt Carmen Wolf ihr kleines Geschäft. Wie es nach der Schließung weitergeht, kann
sie noch nicht sagen.
ittwoch, 24. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Hertie-Aus ist nun unausweichlich
Carla Mattern
über das Ende vom Ende und einen Hoffnungsfunken
Nun steht es fest. Mit dem Beginn des Ausverkaufs bei Hertie ist das Ende für das Kaufhaus im Herzen der Stadt
unausweichlich. Und es ist nah. Etwa fünf Wochen trennen uns noch davon. Je besser der Ausverkauf läuft, desto schneller ist es vorbei. Aber nicht ganz.
Da bleibt ein Fünkchen Hoffnung, denn vorerst will trotz der Hertie-Schließung die Parfümerie Thiemann im Haus weitermachen. Wenigstens eine Weile. Nicht im Winter, wenn das große Haus zu beheizen
ist.
Die Thiemanns hoffen, dass Görlitzer Händler und Politiker mehr als nur reden. Wenn sich einige weitere Geschäftsleute finden, müsste das Haus nicht komplett schließen. Vielleicht wäre das auch eine
Chance für einige der Hertie-Mitarbeiter.
Donnerstag, 25. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Das Görlitzer Hertie-Kaufhaus schließt spätestens bis 10. August
Von Carla Mattern
Gestern startete der Ausverkauf im Hertie-Warenhaus. Foto: Nikolai Schmidt
Viele Kunden sahen sich gestern im Hertie-Kaufhaus um, sondierten Angebot und
Preisnachlässe. Zum Auftakt des Ausverkaufs gab es Rabatte zwischen zehn und 50 Prozent. Technik, Oberbekleidung, Spielzeug, Taschen, Drogerieartikel, CDs und Computerspiele und vieles mehr: Alle
Artikel waren mit reduzierten Preisen versehen. Je besser die Kunden zugreifen, desto schneller werde das Kaufhaus geschlossen, sagte Hertie-Sprecher Wolfgang Weber-Thedy. Der 31. Juli wird zurzeit
als letzter Tag bei Hertie genannt. Sollte der Ausverkauf nicht so gut laufen, dann ist spätestens der 10. August der letzte. Die 50 Mitarbeiter des Görlitzer Hertie-Kaufhauses bekommen jetzt auch
die Kündigungen. Das sagte gestern Betriebsratsvorsitzender Armin Schneider. Heute sollen alle Mitarbeiter informiert werden.
Über einen Sozialplan werde noch verhandelt, bestätigen Weber-Thedy und Schneider. Die Kollegen können aber nicht damit rechnen, Abfindungen zu bekommen, so Schneider. Unrealistisch sei auch der
Gedanke, in sogenannte Auffanggesellschaften wechseln zu können, wie es unter anderem bei der Schließung von Karstadt-Häusern beispielsweise in Hoyerswerda üblich war. Armin Schneider bezweifelt
auch, dass das für Freitag angekündigte Gespräch zur Hertie-Zukunft noch etwas bringt. Die Deutsche Bank als Moderator hat sich nach Schneiders Meinung nicht ernsthaft bemüht um eine Verbesserung der
Mietkonditionen.
Trotz der absehbaren und unwiderruflichen Schließung in wenigen Wochen herrschte gestern fast Normalität in dem Warenhaus am Demianiplatz. Olga Lange sagte: „Ich bin auf der Suche nach Schnäppchen.“
Andere Kunden wie etwa Gabriele Eichner sahen sich das Angebot zwar an, waren in Gedanken aber bei der Zukunft der Mitarbeiter und des Hauses. „Hoffentlich geht es hier weiter, Fabrikverkäufe von der
Schokoladenfabrik Kathleen aus Oderwitz oder Fit aus Hirschfelde könnte ich mir vorstellen“, sagt die Görlitzerin.
Freitag, 26. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Auch für die Hertie-Lehrlinge ist die Zukunft ungewiss
Von Carla Mattern
Sieben Auszubildende lernen in dem Warenhaus am Demianiplatz. Für fünf von ihnen wird nach neuen Betrieben gesucht.
Für Mario Heinz endet die Ausbildung im Sommer. Der junge Mann ist einer von sieben Auszubildenden im Görlitzer
Hertie-Warenhaus. Für sie ist der Blick in die Zukunft ebenso ungewiss wie für die 50 Mitarbeiter von Hertie und die Mitarbeiter des Friseurgeschäfts Essanelle in der dritte Etage und die vier Frauen
aus der Filiale der Feinbäckerei Heberer. Mario Heinz und die anderen Azubis stehen Seite an Seite mit den anderen Kollegen im Haus. Vor wenigen Tagen beteiligte sich beispielsweise Mario Heinz an
der Protestaktion gegen die drohende Schließung. Der 19-Jährige hielt gemeinsam mit anderen das Spruchband, auf dem stand: „Wenn bei Hertie die Lichter ausgehen, verliert auch die Stadt an Glanz“. Er
sei auf der Suche nach einem Arbeitgeber, so Heinz, der meist an der Zentralkasse im Erdgeschoss eingesetzt ist.
Unterstützung zugesagt
Für die fünf Azubis, deren Lehrzeit noch nicht beendet ist, wird nach neuen Ausbildungsbetrieben gesucht. Darüber informiert Martina Klose von der Geschäftsstelle Görlitz der Indsutrie- und
handelskammer (IHK). Man sei derzeit mit mehreren Firmen des Landkreises im Gespräch, einige davon haben bereits Unterstützung zugesagt.
„Wir sind durchaus zuversichtlich, dass alle Azubis ihre Ausbildung fortsetzen können“, sagt Martina Klose.
Freitag, 26. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
CDU-Abgeordneter setzt sich weiterhin für Hertie-Erhalt ein
Görlitz. In einem Gespräch mit Hertie-Insolvenzverwalter Biner Bähr hat der Görlitzer CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer gestern noch einmal betont, dass es keinen betriebswirtschaftlich nachvollziehbaren Grund für eine Schließung der Hertie-Kaufhäuser gebe. Die Angebote potenzieller Investoren seien akzeptabel und würden die Existenz der Hertie-Häuser sichern, so Kretschmer in einer Erklärung. Der Eigentümer, die britische Dawnay Day, handele ohne Kenntnis der deutschen Lage am Immobilienmarkt. Der Abgeordnete wies auf die Verantwortung der Deutschen Bank als Hauptgläubiger von Dawnay Day für die Lösung des Problems hin. Die Bank sollte zum Teil der Lösung und nicht zum Teil des Problems werden. (SZ/pc)
Montag, 29. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Ein Einkaufstempel schließt – ist der Prachtbau zu retten?
Von Frank Seibel
Rabatte ziehen immer. Doch diesmal ist die Schnäppchenjagd im Herzen von Görlitz kein normaler Sommerschlussverkauf.
Diesmal geht eine Ära zu Ende. Das Kaufhaus „Hertie“ im Herzen der Stadt schließt spätestens am 10. August und geht mit Sonderangeboten ein letztes Mal auf Kundenfang. Die Stadt ist geschockt: Hört
das Herz des Handels auf zu schlagen?
Seit sechs Jahren gibt es in Görlitz das „Kompetenzzentrum für Revitalisierenden Städtebau“. Auf Initiative der Deutschen Stiftung Denkmalschutz grübeln hier Wissenschaftler aus verschiedensten
Disziplinen, wie alte Städte am Leben erhalten oder neu belebt werden können. Beim jährlichen „Denksalon“ ging es kürzlich offiziell nicht ums Görlitzer Jugendstilkaufhaus. Aber in den Pausen
zwischen den Vorträgen und in den Diskussionen ging es durchaus darum: Was macht man mit einem solchen Prachtbau mitten in der Stadt? Die SZ hat drei Experten zu einem Rundgang eingeladen und sie um
Ideen für das Haus gebeten.
Montag, 29. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Eine Bürgerstiftung kann vor Ramsch bewahren
Dieses Kaufhaus ist eine absolute Besonderheit. Ich war fasziniert und habe es von oben bis
unten fotografiert. Sollte das Kaufhaus schließen, muss man alles versuchen, damit das Gehäuse nicht leer steht. Zumindest für eine Übergangsphase könnten Theater, Kunst und Kultur hier einziehen.
Und wenn man nur das Erdgeschoss bespielt, ist es besser, als das Gebäude leer stehen zu lassen. In Nordrhein-Westfalen gibt es etliche Beispiele dafür, wie es funktionieren kann. Dort gibt es
Bürgerstiftungen, die helfen, alte Fabriken, Kirchen oder Handelshäuser mit neuem Leben zu erfüllen. Man braucht keine wohlhabenden Stifter, sondern viele kleine Zuwendungen. In Nordrhein-Westfalen
übernimmt auch das Land mit seinem Programm „Initiative ergreifen“ Verantwortung. Das Land zahlt zu großen Teilen die Kosten für die Sanierung, und die Bürger sorgen dafür, dass ein Haus mit Leben
erfüllt wird. Hier hat die Politik erkannt, dass im bürgerschaftlichen Engagement viel Kapital steckt – ideell, aber auch materiell. Und wie eine Wirtschaftsförderung Unternehmen in der Startphase
unterstützt, kann der Staat auch Partner für bürgerschaftliche Initiativen sein.
In Schwerte im Ruhrtal gibt es eines von etwa 50 Beispielen in Nordrhein-Westfalen: Aus einer alten Rohrmeisterei ist ein soziokulturelles Zentrum mit Bistro geworden.
Wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen, bis man eine angemessene Nutzung findet. Zwar wächst für die Eigentümer der Druck. Aber ein x-beliebiger Billigmarkt ist keine Lösung. Hier ist auch die Stadt
gefragt. Sie muss klare Vorstellungen entwickeln, was sie nicht will und was sie zu einer sinnvollen Nutzung beitragen kann.
Klaus Selle ist Architekturprofessor in Aachen
Montag, 29. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Ein Ort für Modenschauen und exklusive Events
Ich bin mit einigen Kollegen durch das Haus gegangen: Total spannend! Mich hat fasziniert, dass das gesamte Haus von
Tageslicht erhellt wird. Das Haus ist natürlich ein Kontrast zu den heutigen Malls. Das Görlitzer Kaufhaus hat als Gebäude einen ganz besonderen Charakter. Aber die Waren, die angeboten werden,
spiegeln das nur unzureichend wider. In den oberen Etagen findet man zwar Mode und auch Markenware. Das Erdgeschoss wirkt hingegen wie ein großer Kramladen. Das ist schade.
Dabei ist gerade das Erdgeschoss eine Fläche für große Präsentationen. In Berlin würde man hier große Modenschauen oder Tanz-Events inszenieren. Dafür eignet sich dieser Raum perfekt. Ich glaube, ein
Kaufhaus an diesem Ort und in dieser Qualität braucht ein klares Profil. Ich könnte mir vorstellen, dass man hier besonders auf regionale Waren setzt. Das funktioniert nicht nur bei Lebensmitteln.
Man kann im Erdgeschoss auch Keramik anbieten, die für Touristen attraktiv ist. Apropos Touristen: Das Wichtigste ist, dass Görlitz besser angebunden wird. In Nordfrankreich war Lille lange wie von
der Landkarte verschwunden. Dann wurde es ans Schnellzugnetz angeschlossen – jetzt floriert die Stadt wieder. Görlitz braucht Menschen von außen. Wenn das Kaufhaus zu einem Flaggschiff ausgebaut
wird, zieht es Kunden an. Und dieses Haus kann sich Eigenarten leisten, von denen man sonst sagt: Das geht nicht. Hier kann man sogar auf Rolltreppen verzichten. Das Haus ist nicht hoch, und die
Treppenaufgänge sind sehr geschickt angelegt. Man kann auf Zwischengeschossen innehalten und wird dann über die Etagen geleitet – das ist kein stumpfes Treppensteigen.
Ulrike Rose ist Leiterin der Initiative StadtBauKultur Nordrhein-Westfalen.
Montag, 29. Juni 2009
(Sächsische Zeitung)
Das Juwel kann auch als Kaufhaus gut funktionieren
Dieses Haus ist ein Juwel, wie ich es in Europa allenfalls drei- oder viermal gesehen habe. Hier stimmen Gestalt und
Nutzung perfekt überein. Dass dieses Kaufhaus wirtschaftliche Schwierigkeiten hat, hat nichts damit zu tun, dass solche Kaufhäuser per se heute nicht mehr funktionieren. Das Gegenteil ist der Fall:
Ich bin überzeugt davon, dass man das Gebäude unter Respektierung der denkmalgeschützten Substanz derart umbauen kann, dass es zeitgemäßen Anforderungen Genüge leistet. Das Görlitzer Haus bietet
genügend Raum für ein sogenanntes Shop-in-Shop-Konzept: viele kleine, in sich abgeschlossene Bereiche, wie eigenständige Boutiquen. Dass die Kuppelhalle zu groß und die Verkaufsfläche zu klein ist,
ist nicht per se problematisch. So hat das Kaufhaus „Lafayette“ in Berlin auch einen sehr imposanten „Lichthof“, der die Verkaufsfläche einschränkt – aber die architektonische Sensation des Hauses
ist. In einer Stadt wie Görlitz besteht die Kunst darin, das Alte zu bewahren und sich trotzdem gegenüber dem Neuen nicht ganz zu verschließen. Für mein Empfinden ist das beim Marienplatz neben dem
Hertie-Kaufhaus gut gelungen. Auch im Haus selbst muss man nicht dogmatisch sein.
Vermutlich wird die Kaufkraft der Görlitzer für sich genommen nicht ausreichen, um ein anspruchsvolles Konzept ökonomisch tragfähig werden zu lassen. Ich würde dennoch auf ein höherwertiges Angebot
in diesem Haus setzen. Dafür könnte man einerseits die relativ kaufkräftigen Senioren interessieren, die nach Görlitz ziehen. Zum anderen hätte man ein attraktives Angebot für Tagestouristen. Daran
mangelt es.
Professor Michael Braum ist Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam
Montag, 20. Juli 2009
(Sächsische Zeitung)
Zwei Bewerber fürs Görlitzer Kaufhaus
Von Sebastian Beutler
Während Hertie weiter ausverkauft, wird im Hintergrund verhandelt. Noch ist aber keine Entscheidung gefallen.
Der Bonner Projektentwickler Phoenix Development bemüht sich um die Übernahme
des Görlitzer Kaufhauses. Das bestätigt dessen Prokurist Stephan Schnitzler gegenüber der SZ. „Ja, wir haben Interesse, und wir haben ein Angebot beim Eigentümer abgegeben“, sagt er. Das Bonner
Unternehmen hat bereits die Hertie-Häuser in Mettmann und Wesseling gekauft. Mit Schnitzler hatte sich auch OB Joachim Paulick Ende Juni in Frankfurt/Main getroffen.
Zweiter Kandidat im Rennen
Neben Phoenix ist aber auch noch ein weiterer Kandidat im Rennen. Er will sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht zu erkennen geben. Es handelt sich um ein Modehaus, das im gesamten Bundesgebiet
mit Filialen vertreten ist. Den Kontakt zu diesem Bewerber knüpfte der Görlitzer Wirtschaftsförderer Lutz Thielemann. Wie Thielemann verweist auch die Stadt im Moment auf die Vertraulichkeit, die die
Gesprächspartner vereinbart hätten, und bestätigt nicht die Kontakte zu den beiden Investoren. Sie sieht aber intensive Verhandlungen noch nötig, um zu einer schnellen Lösung zu kommen. Prinzipiell
gelte, erklärt Rathaus-Sprecherin Kerstin Gosewisch: „Alle Investoren, die ernsthaftes Interesse an unserem Kaufhaus haben, sind uns willkommen.“
Zukunft für zwei Hertie-Häuser
Immerhin scheint nun doch Bewegung in die mögliche Übernahme des Görlitzer Kaufhauses gekommen zu sein. Der Berliner Immobilienvermarkter Atisreal sucht bereits seit dem Winter nach einem neuen
Eigentümer für das Jugendstil-Kaufhaus in der Neißestadt. Bislang mündeten die Gespräche nicht in wirkliche Verhandlungen. Das ist nun nach der Ankündigung von Hertie, spätestens zum 10. August das
Kaufhaus in Görlitz zu schließen, anders.
Stephan Schnitzler jedenfalls hat über die Zukunft für die beiden Hertie-Häuser in Mettmann und Wesseling klare Vorstellungen. „In Mettmann bauen wir das Haus in ein Shopping-Center um“, sagt er. Das
sei am ehesten mit einem ECE-Center zu vergleichen, wie es beispielsweise das Kornmarkt-Center in Bautzen sei. Wesseling hingegen wird zu einer Passage mit Fachmärkten umstrukturiert.
Besonderer Herausforderung
Schnitzler und der polnische Ableger von Phoenix Development haben in Warschau ein Shopping-Center mit einer Verkaufsfläche von 25.000 Quadratmetern – zum Vergleich das Kornmarkt-Center in Bautzen
hat etwa 10 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Mit Görlitz sei das freilich alles nicht miteinander zu vergleichen, sagt Stephan Schnitzler. „Angesichts der Besonderheit dieses Hauses ist das eine
Herausforderung, vor der man nicht alle Tage steht.“
Mittwoch, 22. Juli 2009
(Sächsische Zeitung)
Kündigungen statt Abfindungen für Hertie-Mitarbeiter
Görlitz. In dieser Woche erhalten die Hertie-Mitarbeiter ihre Kündigungen. Für Abfindungen oder wenigstens
die Gehaltsfortzahlung bis zum gesetzlichen Kündigungstermin reiche das Geld mangels Masse nicht. Darüber informierte gestern Bernd Horn, Gesamtbetriebsratschef von Hertie. Das bedeutet, dass die 50
Mitarbeiter kein Geld aus dem Sozialplan erhalten. Nach der Freistellung gibt es gar nichts.
„Für uns als Betriebsräte kommt das nicht überraschend“, sagt der Görlitzer Betriebsratschef Armin Schneider. Bedauerlich sei es schon. „Jeder hat gehofft, dass es noch was gibt.“ Vor allem die
Kollegen, die sehr viele Jahre im Betrieb sind, hätten gern eine Abfindung bekommen. Bei Hertie läuft voraussichtlich noch bis 10. August der Ausverkauf. (SZ/cam)
Mittwoch, 5. August 2009
(Sächsische Zeitung)
Interessenten verhandeln um Hertie-Kaufhaus
Von Jana Ulbrich
Immobilienvermarkter: Das Görlitzer Kaufhaus hat auch in Zukunft gute Chancen.
Auch nach der Schließung von Hertie zum 17. August werde das einmalige Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus eine Zukunft haben.
Darin zeigte sich Ulrich Paulick von der Immobilienvermarktungsgesellschaft BNP Paribas Real Estate GmbH (bisher Atisreal) gestern optimistisch. Die Gesellschaft, die sich im Auftrag der
britisch-niederländischen Eigentümer um die Nachnutzung der Hertie-Immobilien kümmert, sei derzeit mit „zwei, drei Interessenten“ für das Görlitzer Haus im Gespräch, bestätigte er.
Vorrangig stehe auch in Zukunft eine Nutzung des Hauses als Einkaufszentrum – beispielsweise mit einer modernen Shop-in-Shop-Lösung – auf dem Plan, sagte Paulick. Das denkmalgeschützte Gebäude
verlange jedoch einen äußerst sensiblen Umgang. Künftige Lösungen brauchten Kompromisse zwischen Nutzungs- und denkmalpflegerischen Belangen. So sei heute ein Aufzug in öffentlich genutzten Gebäuden
unerlässlich.
Die Immobilienvermarkter gehen offenbar nicht davon aus, dass die gegenwärtigen Gespräche zeitnah zu einem Ergebnis führen werden. Man sei deshalb auch auf der Suche nach Interimslösungen, sagte
Paulick. Weil die im Kaufhaus eingemieteten Filialen der Parfümerie Thiemann und der Feinbäckerei Heberer vorerst geöffnet bleiben, könnten beispielsweise zwischenzeitlich weitere Mieter
einziehen.
Freitag, 5. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Vor Hertie-Aktion:
Görlitzer sollen Wünsche schreiben
Görlitz. Bis gestern haben 12 Görlitzer aufgeschrieben, was sie sich für das Görlitzer
Jugendstilkaufhaus wünschen und was sie ärgert. „Wir erhoffen uns noch viel mehr solche Wünsche von Görlitzern“, sagt Rainer Michel. Diese Texte sollen bei der nächsten Aktion für das Görlitzer
Jugenstilkaufhaus am 13. Februar verlesen werden. Danach wollen die Organisatoren vom Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sie sogar in einem Buch zusammenfassen und mit den bisher
etwa 12500 Unterschriften für den Erhalt des Kaufhauses als Buch an die Besitzer des Gebäudes und an Politiker übergeben.
Seit gestern liegen Postkarten am Hertie-Bäcker und in der Parfümerie Thiemann im Hertie bereit. Auch beim Aktionskreis Görlitz am Klosterplatz können Görlitzer Karten abgeben. (SZ/cam)
Mittwoch, 10. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Görlitzer Anwalt
ist Zwangsverwalter des Kaufhauses
Görlitz. Der Görlitzer Rechtsanwalt Frank Heinrich ist Zwangsverwalter des Kaufhauses am
Demianiplatz. Das teilte die Stadt gestern mit, nachdem das Amtsgericht auf Antrag der Stadt am Montag den Verwalter eingesetzt hat. Rechtsanwalt Frank Heinrich soll nun die Bewirtschaftung des
Hauses aus den Mieteinnahmen sichern sowie das denkmalgeschützte Jugendstilgebäude vor Schaden bewahren.
Die Stadt wandte sich an das Gericht, nachdem Eigentümer und Verwalter des Kaufhauses nicht ihren Pflichten beispielsweise beim Winterdienst nachgekommen sind und auch auf Aufforderungen der
Stadt nicht reagiert haben. Zwischenzeitlich hatte die Stadt sogar Heizöl für das Kaufhaus bestellt und an Stelle des Eigentümers die Kaufsumme auch vorgestreckt. (SZ)
Freitag, 12. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Erste Bauschäden am Kaufhaus
Von Sebastian Beutler
Gestern griffen die Mitarbeiter von Frank’s Immobilienservice zu Eispickel und
Schneeschieber. Sie räumten nicht nur die Gehwege rund um das Görlitzer Kaufhaus, sondern auch die kleinen Balkone des Gebäudes. Dort war es besonders nötig. Denn über die Balkone ist bereits
Wasser ins Haus gedrückt worden. Schon jetzt, so berichten städtische Mitarbeiter, seien Schäden am Parkett des Kaufhauses entstanden.
Neue Mieter willkommen
Die Beräumung war eine der ersten Aufträge, die der neue Zwangsverwalter des Kaufhauses auslöste. Der Görlitzer Rechtsanwalt Frank Heinrich kümmert sich jetzt um das frühere Hertie-Haus. Die
Stadt hatte die Zwangsverwaltung beim Amtsgericht Görlitz beantragt. Sie konnte und wollte nicht mehr zusehen, wie wenig der vom Eigentümer beauftragte Verwalter spätestens seit Wintereinbruch
sich um das Haus gekümmert hat.
Dass das Handeln nötig ist, zeigt sich auch an anderen Stellen des Hauses. So hat Heinrich neues Öl für das Haus bestellt. Zunächst hatte die Stadt überlegt, das Wasser aus den alten Leitungen
herauszulassen. Doch die Heizung ist für das Kuppelsystem des Hauses unabdingbar. Das besteht aus der inneren Schmuckkuppel, die von den Besuchern zu sehen war, und der Außenkuppel. Der
Zwischenraum muss nach Angaben von Bürgermeister Michael Wieler beheizt werden, damit sich kein Eis auf der äußeren Außenkuppel bilden kann. Dessen Gewicht könnte ansonsten beide Kuppeln in die
Tiefe reißen. Wieler sagt deshalb auch: „Von Woche zu Woche kann man sehen, wie neue Schäden entstehen.“ Der 41-jährige Rechtsanwalt Frank Heinrich will sich aber nicht nur für die technische
Erhaltung des denkmalgeschützten Jugendstil-Hauses einsetzen. „Im Idealfall finden sich neue Mieter und Nutzer.“ Denn Heinrich kann als Zwangsverwalter neue Mietverträge abschließen – und zwar
nur er. Das Haus verkaufen kann er aber nicht, sondern nur der Eigentümer. Heinrich, der Experte für Zwangsverwaltungs- und -versteigerungsrecht ist, sieht das nicht als Nachteil. „Es wäre nicht
das erste Mal, dass sich aus Einmietungen langfristig neue Nutzungen für ein Objekt entwickeln.“
Aktion am Sonnabend
Die Stadt erhöht mit der Zwangsverwaltung den Druck auf den britisch-niederländischen Eigentümer des Kaufhauses. In diesem Sinne begrüßt auch der Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalpflege,
Jörg-Peter Thoms, die Zwangsverwaltung. Denn in den vergangenen Tagen und Wochen sind bei Thoms Zweifel entstanden, ob die Berliner Immobilienfirma den Verkauf des Hauses ernsthaft anstrebe. „Sie
hat ja in Zweifel gezogen, dass es sich hier um eine 1-A-Lage handelt. Aber was ist dann in Görlitz eine solche Spitzenlage?“
Auch Rainer Michel sieht sich ermutigt, weiter für eine künftige Nutzung des Kaufhauses zu streiten. Der Görlitzer ist Initiator der alle zwei Monate stattfindenden Hertie-Aktionen. Nach
Menschenkette und Herzchenlegen ist nun am Sonnabend eine weitere Veranstaltung geplant: Görlitzer können ab 16 Uhr ihre Meinung zum Kaufhaus aufschreiben und vorlesen. Die Statements sollen
anschließend in einem Heft gebunden und den Beteiligten übergeben werden. 20 solcher Äußerungen liegen bereits vor. Zusammen mit den bislang 13000 Unterschriften für eine Zukunft des Hauses
sollen sie auf das geschlossene Denkmal aufmerksam machen. Um das zu untermauern, bieten der Görlitzer Karikaturist Andreas Neumann-Nochten und Sebastian Ripprich am Sonnabend eine weitere ihrer
beliebten Görlitzer GeschichtenKarten an. Titel: „Wie sie im Städtchen von einer Heuschrecke in Atem gehalten wurden“.
Derweil muss die Stadt in Vorleistung gehen, wenn die Einnahmen aus den Mieten nicht für die Kosten für Heizöl und Zwangsverwaltung ausreichen. Sollte der Eigentümer die Gelder nicht ausgleichen,
hat die Stadt noch ein scharfes Schwert in der Hand: Sie kann die Zwangsversteigerung beantragen.
Druck wächst auf Kaufhauseigentümer
Sebastian Beutler
Von Beutler.Sebastian@dd-v.de
über die Zwangsverwaltung des Kaufhauses
Die Zwangsverwaltung kam überraschend und ist doch der richtige Schritt seitens der Stadt. Denn dass dem Kaufhaus der Leerstand nicht gut bekommt, war schon vor der Schließung absehbar gewesen. Zugleich ist damit ein Prozess angestoßen worden, der auch die Hängepartie mit dem Eigentümer lösen könnte. Allerdings wäre eine Zwangsversteigerung nur der allerletzte Schritt. Er wäre eine beispiellose Konfrontation mit dem Eigentümer und würde wahrscheinlich erst nach Jahren erfolgreich sein. Daher wäre es besser, wenn Eigentümer, Zwangsverwalter und die nach Käufern suchende Immobilienfirma aus Berlin gemeinsam Wege zum Verkauf des Hauses gehen würden. Das aber ist vorerst nur Wunschdenken. Weil Verwalter und Eigentümer sich nicht besonders um das Gebäude gekümmert haben, hat nun die Stadt signalisiert, wir können auch anders. Sozusagen auf die harte Tour. Es ist nun abzuwarten, ob die Botschaft in den Niederlanden und in England ankommt.
Samstag, 13. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
OB Paulick setzt auf Zwangsversteigerung
Von Sebastian Beutler
Bild: Geredet hat Oberbürgermeister Joachim Paulick lange genug, wie hier bei einer Protestveranstaltung im Juni vergangenen Jahres. Jetzt handelt das Görlitzer Stadtoberhaupt. Mit der Zwangsversteigerung will er die Eigentümer dazu zwingen, schneller über die Zukunft des Görlitzer Kaufhauses zu entscheiden. Notfalls kommt es zur Versteigerung. Foto: Pawel Sosnowski
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Jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Innerhalb von wenigen Stunden hat das Görlitzer
Amtsgericht einen Antrag der Stadt auf Zwangsversteigerung des Kaufhauses entsprochen. Nach der Zwangsverwaltung seit Anfang dieser Woche ist das nun der zweite Schritt der Stadt Görlitz, um die
Zukunft des Kaufhauses schnell zu klären.
Stadt will schnell Geld haben
Oberbürgermeister Joachim Paulick nannte gegenüber der SZ zwei Gründe für sein schnelles Reagieren. „Erstens will die Stadt möglichst bald wieder das Geld bekommen, das wir jetzt für den Erhalt
des Hauses vorschießen“, sagte Paulick. „Und außerdem wollen wir, dass das Haus schnell wieder in Hände kommt, die es als Juwel erkennen und bald wiedereröffnen.“
Auch Zwangsverwalter Frank Heinrich zeigte sich überrascht von dem schnellen Schritt. Doch gerade seine Tätigkeit in den vergangenen vier Tagen hatte die Stadt darin bestärkt, schnell zu handeln.
Denn die Eigentümer haben sich bislang weder auf Schreiben der Stadt noch des Zwangsverwalters gerührt. „Das lässt darauf schließen, dass nicht verantwortungsvoll mit dem Haus umgegangen wird“,
erklärte Paulick.
Wie am Freitag bekannt wurde, versucht die Stadt bereits seit vergangenem Jahr Grundsteuerschulden der Kaufhaus-Eigentümer einzutreiben. Da sie auf die Forderungen der Stadt nicht reagierten,
leitete das Rathaus ein Mahnverfahren ein. Das ist mittlerweile auch schon abgeschlossen. Zusammen mit weiteren Vorleistungen für Heizölbestellungen und Schneeberäumungen haben sich bei der Stadt
Ausgaben oder Forderungen von zusammen mehr als 20000Euro angesammelt, bestätigte Paulick.
Das könnte aber erst der Anfang sein. Denn Zwangsverwalter Frank Heinrich hat aufgelistet, was noch alles zu tun ist. Und das muss eine Menge sein. Denn Paulick sagt: „Wir haben erkannt, dass die
Kosten stark ansteigen werden. Durch die Mieten werden sie nur zu einem geringen Grad gedeckt. Angesichts unserer Haushaltslage müssen wir sehen, dass wir nicht zu lange die Kosten vorstrecken
müssen.“
Druck auf Eigentümer wächst
Bei Begehungen des Gebäudes hatten die Bauexperten in den vergangenen Wochen erste schwere Schäden festgestellt. So drückt Nässe über die Balkone ins Haus, das Parkett nimmt dadurch Schaden. Auch
dringt Feuchtigkeit in Säulen unterhalb der Balkone. Bei den Temperaturen besteht die Gefahr, dass das Wasser die Säulen von innen heraus sprengt. Und schließlich muss die Stadt das Haus
beheizen, um die Kuppelkonstruktion nicht zu gefährden. Vor allem die Untere Denkmalschutzbehörde hat sich aus diesem Grund bereits mehrfach an den Verwalter des Gebäudes gewandt – bislang ohne
Antwort zu erhalten.
Der Görlitzer Schritt ist unter den bisherigen Hertie-Standorten einzigartig. Das bestätigt Christoph Meyer von BNC Paribas in Berlin, der mit dem Verkauf der Hertie-Häuser in Deutschland
beauftragt ist. „Es gibt ein paar Häuser, die unter Zwangsverwaltung stehen, aber noch keins, dem die Zwangsversteigerung droht.“ Er vermutet, dass es eine Lösung ohne die Versteigerung geben
wird, die allen Seiten gerecht wird. Möglicherweise werden jetzt die Eigentümer auch schneller beispielsweise mit Interessenten wie der Bonner Projektentwicklung Phoenix Development zu einer
Entscheidung kommen. „Mir ist jedenfalls von den Eigentümern zugesichert worden, dass sie sich bemühen werden, weiteren Schaden von dem Haus abzuwenden.“
Oberbürgermeister Joachim Paulick wäre froh, wenn es so kommen würde. „Aber nach unseren Erfahrungen glaube ich so recht nicht mehr daran, dass es eine Einigung geben wird.“ Jeder Tag, den das
Kaufhaus leersteht, mahnt er, schmälert dessen Wert.
Samstag, 13. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Paukenschlag für das Kaufhaus
Sebastian Beutler
Von Beutler.Sebastian@dd-v.de
über die Zwangsversteigerung
Das ist ein Paukenschlag zum Abschluss dieser Woche. Mit dem Antrag der Stadt auf Zwangsversteigerung hatte so schnell niemand gerechnet. Das ihm auch so schnell entsprochen wurde, entspricht überhaupt nicht der landläufigen Vorstellung von den Mühlen der Justiz, die doch so langsam mahlen sollen. Jetzt wird auch öffentlich, wie lange bereits die Stadt auf ein deutlich höheres Engagement der niederländisch-englischen Eigentümer für das Görlitzer Kaufhaus drängt. Offensichtlich dampfte es viel stärker unter dem Deckel, als zu ahnen war. Der Schritt von OB Paulick ist folgerichtig. Im besten Falle reagiert der Eigentümer unter diesem Druck und entschließt sich schnell zu einem Verkauf an einen der Interessenten. Im schlechtesten Falle kommt es zur Zwangsversteigerung. In dieser Situation ist es wichtig, dass die Görlitzer ihre Verbundenheit mit dem Kaufhaus zeigen. Deswegen sollten möglichst viele an diesem Sonnabend, 16 Uhr, auf dem Marienplatz sein.
Sonnabend, den 13.02.2010
Montag, 15. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Spannung steigt
Jenny Ebert
Von Ebert.Jenny@dd-v.de
über die Reaktionen zur Hertie- Versteigerung
Am Sonnabend entstand bei der Kundgebung vorm Hertie-Kaufhaus der Eindruck, die Görlitzer
würden die Zwangsversteigerung am liebsten morgen durchführen. Dass der jetzige Eigentümer das Haus nicht ehrt, wie es ein leidenschaftlicher Görlitzer erwartet, ist eindeutig. Dass die
Schließung keine Lösung ist, sowieso. Aber woher den verantwortungsbewussten Menschen nehmen, der genug Geld hat, das Haus zu kaufen, zu sanieren und zu betreiben?
Sollten wir alle zusammenlegen? Dann bekäme der Ausdruck, das Haus gehört der Stadt, eine neue Bedeutung. Oder den Millionenspender bestechen? Wer interessiert sich überhaupt für das Haus? Die
Spannung steigt.
Gut 100 Menschen sind am Sonnabend zu einer weiteren Aktion für das Hertie-Kaufhaus gekommen. Initiator Rainer Michel (rechts) las Briefe von Görlitzern vor, was sie an der derzeitigen Situation am meisten belastet. Diese Schreiben kommen in Buchform zu den Eigentümern. Fotos: Jens Trenkler
Montag, 15. Februar 2010
(Sächsische Zeitung)
Zwangsversteigerung findet Befürworter
Von Jenny Ebert
Die Stimmung bei der erneuten Kundgebung vor dem geschlossenen Hertie-Kaufhaus am
Sonnabendnachmittag war deutlich offener als früher. Gut 100 Interessierte sind gekommen und hatten natürlich ein Hauptgesprächsthema: die geplante Zwangsversteigerung des Hauses, die am Freitag
bekannt geworden war (SZ berichtete). Organisator Rainer Michel schätzte es denn auch so ein: „Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Tagen überschlagen.“
Oberbürgermeister Joachim Paulick war ebenfalls zu der Kundgebung gekommen und erklärte Details des weiteren Verfahrens. „Hoffen wir, dass nicht wieder eine Spekulantengruppe das Haus kauft,
falls es zur Zwangsversteigerung kommt“, sagte er, und ein zustimmendes Raunen kam von den Anwesenden. Er wünsche sich, dass es im kommenden Jahr eine sichere Lösung gibt. „Das wäre gut. Auch
wenn das Gebäude dann vielleicht noch nicht wieder geöffnet ist.“
Doch eigentlicher Grund für die Aktion am Sonnabend waren die Wünsche und Sorgen rund um das Kaufhaus, die Görlitzer in den vergangenen Wochen einreichten. Laut Rainer Michel sind etwa 30
Meinungen eingegangen, die nun in Buchform gedruckt und an Eigentümer und Verwalter des Kaufhauses geschickt werden. In den Briefen werden hauptsächlich die desinteressierten Eigentümer, das
schleppende Vorangehen und der Verlust des Jugendstilhauses für Touristen beklagt. „Das Kaufhaus soll leben und leuchten“, las Rainer Michel aus einem Brief vor und erntete viel Nicken im
Publikum, „es dürfen nicht alle zum Einkaufen nach Dresden abwandern.“
Mittlerweile interessieren sich Medien aus ganz Deutschland für die rührigen Görlitzer, die die Schließung ihres Kaufhauses nicht einfach hinnehmen. Eine große Wochenzeitung hat sogar angeboten,
mit den Görlitzern nach London zu den Hauseigentümern von Dawnay Day zu fahren, erzählte Rainer Michel begeistert. Dort sollen die entstandenen Bücher mit Medienbeteiligung übergeben werden.
„Selbst wenn wir dort abgewiesen werden, wäre das spannend“, so Michel.
Für den 17. April ist die nächste Aktion vorm Kaufhaus geplant. Dann soll mit Kerzen der Schriftzug „Sell it“ (engl. für „Verkauft es“) gelegt werden – als Aufforderung an die Eigentümer.
Endlich Klartext: Rainer Michel informiert Görlitzer über die Hoffnungen für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Foto: Menschner
Wichtige Weichenstellungen für das Görlitzer Jugendstilkaufhaus 15.02.2010
Wichtige Weichenstellungen für das Görlitzer Jugendstilkaufhaus
15.02.2010
Görlitz
Vor dem leer stehenden Jugendstilkaufhaus in Görlitz haben sich am Samstag erneut zahlreiche Einwohner versammelt. Mit ihrer Aktion wollten sie auf die ungewisse Zukunft des Denkmals aufmerksam zu machen. Das Haus liege den Görlitzern sehr am Herzen. Das zeigten die öffentlich verlesenen Forderungen, sagte Rainer Michel vom Ortskuratorium der Stiftung Denkmalschutz .
Hinsichtlich des Görlitzer Jugendstilkaufhauses, das zuletzt bis zum August 2009 von Hertie betrieben worden war, haben sich in den vergangenen Tagen die Ereignisse förmlich überschlagen.
Sorgte bereits die Meldung, dass die Stadt Görlitz beim Amtsgericht die Zwangsverwaltung für das Haus beantragt und durchgesetzt hat, für Aufsehen, so folgte am Freitag der Paukenschlag: Das Kaufhaus soll zwangsversteigert werden. „Das sind Dinge, über die redet man im Vorfeld nicht, um der anderen Seite keine Möglichkeit für Gegenmaßnahmen zu geben. Jetzt jedoch können wir damit an die Öffentlichkeit gehen“, freute sich der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick (Zur Sache ! e.V.) einen Tag später über seinen gelungenen Coup. Da hatte er sich in die Schar von etwa 80 Görlitzern eingereiht, die vor den verschlossenen Toren des Kaufhauses zum wiederholten Male gegen die Geschäftspolitik des Eigentümers, der britischen Investmentunternehmens Dawnay Day, protestierten. „Nicht genug damit, dass sich Dawnay Day seit der Schließung des Kaufhauses überhaupt nicht mehr um das Gebäude gekümmert hat. Jetzt wird auch noch bekannt, dass sie ihren Zahlungsverpflichtungen ebenfalls nicht nachgekommen sind“, erklärte Rainer Michel, Mitorganisator der Protestaktion, in deren Verlauf Hoffnungen und Wünsche der Görlitzer im Zusammenhang mit ihrem Kaufhaus vorgetragen wurden. „Es geht dabei um nicht beglichene Forderungen der Stadt Görlitz in fünfstelliger Höhe, die zum Teil bereits aus dem Vorjahr stammen“, erläutert Oberbürgermeister Joachim Paulick. Auf Mahnungen habe der Eigentümer nicht reagiert – „so konnten wir, wie bei jedem anderen Schuldner, das Vollstreckungsverfahren in Gang setzen“.
Laut Paulick gibt es jetzt drei mögliche Szenarien. Erstens: Dawnay Day bezahlt seine Schulden, und das Verfahren wird eingestellt. Zweitens: Es kommt zu einem Verkauf, in dessen Folge die Außenstände der Stadt Görlitz beglichen werden – auch dann wäre die Vollstreckung hinfällig. Drittens – und dieses Szenario erscheint nicht unwahrscheinlich – es kommt tatsächlich zur Zwangsversteigerung. „Auch dies ist natürlich ein Spiel mit ungewissem Ausgang, denn es kann passieren, dass das Kaufhaus dadurch wiederum in die Hände von Spekulanten gelangt“, sagt der Görlitzer OB. Immerhin jedoch biete das Verfahren die Möglichkeit, das Gebäude Dawnay Day zu entwinden, die bislang keinerlei Interesse an einem positiven Fortgang erkennen ließen. Dies zeige sich auch am Zustand des Hauses: „Wir sind aus der Not heraus, um den verbliebenen Mietern überhaupt ihren Geschäftsbetrieb ermöglichen zu können und das kostbare Denkmal nicht zu gefährden, in Vorleistung gegangen und haben Heizölbestellungen ausgelöst sowie die Lieferung in Vorkasse bezahlt“, erklärt Joachim Paulick. Werde das Gebäude gerade unter den derzeitigen Witterungsverhältnissen nicht ausreichend beheizt, dann drohten „nicht wieder gutzumachende Schäden“.
Dienstag, 2. März 2010
(Sächsische Zeitung)
Kaufhaus-Kritik schlägt Wellen deutschlandweit
Herr Michel, immer mehr Medien bundesweit interessieren sich für den Görlitzer
Einsatz gegen das geschlossene Kaufhaus. Wie fühlen Sie sich als Initiator der Aktionen dabei?
Das ist toll! Es hilft uns bei unseren drei Zielen ungemein. Erstens wollen wir ein Stachel sein und die Schließung nicht einfach hinnehmen. Zweitens sehen die Touristen, die wütend sind, das
schöne Haus nicht besuchen zu können, dass wir etwas tun – und haben oftmals Respekt dafür. Und drittens können wir dadurch bis nach England wirken, wo die „Heuschrecken“ sitzen, denen das Haus
gehört. Und solche Typen mögen es gar nicht, wenn man immer draufhaut.
Die Liste der Medien ist inzwischen lang geworden…
Ja. Neben allen lokalen Medien MDR-Fernsehen und -Radio, Morgenpost, Leipziger Volkszeitung, Bild, Super Illu und Zeit. Als letztere sich bei mir gemeldet hat, war das ein Riesenmoment für mich.
Sie ist durch andere Zeitungen auf uns aufmerksam geworden.
Nehmen Sie von sich aus auch Kontakt zu Medien auf?
Nicht mehr. Damals, vor der Tagung des PEN-Clubs in Görlitz habe ich das getan. Aber jetzt habe ich mir überlegt, dass ich mich mal an den PEN direkt wenden werde. Denn viele Mitglieder sind auch
Journalisten. Zudem hat eine Görlitzerin, die in New York lebt, Hilfe angeboten. Das werde ich natürlich dankbar annehmen. Wer weiß, welche Kreise das noch zieht…
Haben Sie die Reise nach London zu Hauseigentümer Dawnay Day immer noch vor?
Natürlich! Ich habe schon nachgeschaut. Ein Flug von Breslau nach London ist schon für fünf Euro zu bekommen. Und die Zugfahrt ab Zgorzelec kostet hin und zurück nicht einmal 20 Euro. Da ich
früher Englischlehrer war, kenne ich England und London gut. Das wäre quasi ein Heimspiel für mich. Und ein wunderbares großes Abenteuer.
Sind die Bücher mit den Görlitzer Wünschen schon fertig?
Noch nicht, aber das geht schnell. Der Inhalt steht ja. Und ich habe den Zeitdruck, dass ich bis zum 17.April in London gewesen sein muss. Denn dann machen wir unsere nächste Aktion in
Görlitz.
Gespräch: Jenny Ebert