GOERLITZ-ALBUM

Samstag, 8. August 2009
(Sächsische Zeitung)

DIE SEITE DREI


Ende  einer  Ära

 

Nächste Woche schließt das Hertie-Kaufhaus in Görlitz. Und mit im stirbt ein Stück Stadtgeschichte. Denn die Zukunft des Hauses ist ungewiss

Von Jana Ulbrich

 

Die Leute stehen und fotografie­ren. „Dass ist ja wunderschön hier!", staunt eine junge Leipzige­rin und drückt immer wieder auf den Auslöser ihres Handys. Ein Mann ist extra mit seiner Kamera aus Dresden gekommen. „Ich woll­te dieses Haus nur noch einmal se­hen", sagt er.

Es hat sich weit herumgespro­chen, dass das Hertie-Kaufhaus im Görlitzer Stadtzentrum schließen wird. Seit Tagen läuft der Ausver­kauf. Es herrscht ein Durcheinan­der wie in einem Restpostenmarkt. Die Regale mit den Taschenbü­chern sind schon leer, die Elektro­nikabteilung auch. Die Verkäufe­rinnen schieben immer wieder neue Paletten mit Socken und Steppwesten, Winterpullovern und Bettwäsche heran. Auf Weihnachtsbaumkugeln gibt's 70 Pro­zent, auf den Rotkäppchensekt da­neben nur zwanzig. Wie eine Farce wirken die Wühlkisten und halb ausgeräumten Regale in dem prunkvollen Haus. Brigitte Hack­beil hat Tränen in den Augen. Die 68-jährige Görlitzerin ist nicht der Schnäppchen wegen hier. Sie steht im großen Lichthof und scheint den Trubel um sie herum nicht zu bemerken. Sie saugt noch einmal den Anblick den Hauses in sich auf. Denn das Hertie in Görlitz, das ist nicht einfach nur ein Kaufhaus. Es ist ein Mythos.

Armin Schneider hat den größ­ten Teil seines Lebens in diesem Haus verbracht. Der 56-Jährige war hier Lehrling, Werbefachmann und Vorsitzender des Betriebsrats. „39 Jahre Betriebszugehörigkeit", sagt er und schluckt den Kloß im Hals hinunter. Er kennt jedes Detail an diesem einzigartigen Baudenk­mal aus Jugendstil und Moderne: Den herrlichen Laubengang mit den lebensgroßen Sandsteinfigu­ren, die lichte Fassade mit ihren un­zähligen Fenstern, die Säulen aus italienischem Marmor in der Halle,

die Messinggeländer an den Trep­pen, die Putten auf den Emporen. Und erst diese riesige Lichtkuppel aus 600 handbemalten Glasschei­ben! „Das gibt es in ganz Deutsch­land nicht noch einmal", sagt er.

 

So schön wie in Paris

 

Die hundertjährige Pracht ist bis heute unverbaut erhalten geblie­ben und begeistert Architekten, Städteplaner und Denkmalpfleger genauso wie die Kunden, die beim Betreten der Halle ehrfürchtig stehen bleiben und staunen. Als der einflussreiche Görlitzer Geschäfts­mann Louis Friedländer 1913 sein Warenhaus erbauen ließ, schuf er ein einzigartiges Juwel der Kauf­haus-Architektur. Ein Einkaufstem­pel wie in einer Großstadt sollte es werden - so schön wie in Paris, so weltoffen wie in Berlin. Das damals berühmte Berliner „Wertheim" und die alte Pariser „Galerie Lafayette" waren seine Vorbilder.

Das Görlitzer Kaufhaus ist das einzige, das auch heute noch im ur­sprünglichen Stil existiert. Es hat alle Krisen und Kriege überstanden, war renommiertes Karstadt- und volkseigenes Centrum-Warenhaus und selbst während des Zweiten Weltkriegs und in den schweren Jahren danach immer geöffnet.

 

Und nun läuft der Ausverkauf. Die insolvente Hertie-Kette schließt alle ihre 54 Häuser in Deutschland. Auch das in Görlitz - obwohl die Umsätze hier nicht zu den schlech­testen gehörten. Am 15. August ist letzter Verkaufstag.

Danach wird das Haus das erste Mal in seiner 100-jährigen Ge­schichte geschlossen. Das sei „defi­nitiv", sagt Geschäftsführerin Ilona Markert leise. Sie hat sich in dem wochenlangen Kampf um die Ret­tung des Hauses eine Fassade aus kühler Distanz zugelegt.Armin Schneider kann seine Ge­fühle nicht so gut verstecken. Es ist ein Stück Leben, das hier zu Ende geht.


” Mit dem Kaufhaus stirbt ein Teil von Görlitz. Das wird vielen erst jetzt bewusst.

 

 Armin Schneider (56) arbeitet seit 39 Jahren im Haus

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Die meisten der 47 Mitarbei­ter arbeiten schon 20, 30 oder 40 Jahre in diesem Kaufhaus. Sie ha­ben den Mangel zu DDR-Zeiten er­lebt, die Wühlkisten und Billigwa­ren in den Jahren nach der Wende und später die Versuche, dem groß­artigen Flair des Hauses mit mehr Qualitätswaren gerecht zu werden. Sie sind alle gekündigt. Ohne Fristen, ohne Auffanggesellschaft, ohne Abfindung. „Wieso? Wes­halb? Warum?" haben die Verkäu­ferinnen auf ein großes blau-gelbes Schild geschrieben. Antworten da­rauf fallen schwer. Sie lächeln tap­fer und geben sich alle Mühe, der Schlangen an Kassen und Umklei­dekabinen Herr zu werden. Sie ha­ben zu tun wie noch nie in diesen letzten Tagen. Und sie machen Um­satz wie noch nie. Je mehr sie noch verkaufen können, um so besser. „Wie wir uns jetzt fühlen, das kann man gar nicht beschreiben", sagt Armin Schneider.

 

Kaufkraft geht vor Schönheit

Auch für ihn ist das Haus viel mehr als nur der Arbeitsplatz. Da sind die Kindheitserinnerungen, als die La­deneinrichtung noch aus Eichen­holzvertäfelungen und kostbaren Spiegeln bestand und er mit seiner Großmutter immer die prächtigen Treppen auf- und abmarschierte. Da ist die Erinnerung an die Lehr­zeit, als der Weihnachtsbaum im Advent vom Erdgeschoss bis fast unter die Glaskuppel reichte. Da ist die große Restaurierung 1985, als die Mitarbeiter alle beim Bemalen der 600 Glasscheiben in der Kuppel mithalfen. „Einmalig war das", schwärmt er.

Die Schließung des Hauses haben die Görlitzer nicht verhindern kön­nen. Nicht mit ihren Unterschrif­tensammlungen und Demonstra­tionen, nicht mit Hilferufen an die Politik. „Wir haben alles getan, was wir konnten. Wir waren beim Mi­nisterpräsidenten und beim Wirtschaftsministerium, sogar bis ins Bundeskanzleramt sind wir vorge­drungen", erzählt Armin Schnei­der. „Alles ohne Erfolg."

 

Schwierig zu vermarkten 

Das Gebäude gilt in der Branche als besonders schwierig zu vermark­ten. Weil es unter Denkmalschutz steht, weil es keine Rolltreppen und nur kleine Aufzüge hat, und weil für die Vermarktung von Kauf­häusern nicht Schönheit, sondern Quadratmeter und Kaufkraft zäh­len. 5 000 Quadratmeter Verkaufs­fläche sind zu wenig bei der Größe des Hauses, der herrliche Licht­hof - nichts als ungenutzter Raum. Und die Kaufkraft der Lausitzer? Ei­ne denkbar ungünstige Größe in den Wirtschaftlichkeitsberechnun­gen potenzieller Investoren.

„Das Haus genügt heutigen An­sprüchen nicht mehr", sagt Ulrich Paulick von der Berliner Immobilienvermarktungsgesellschaft, die sich im Auftrag der britisch-nieder­ländischen Eigentümer um die Nachnutzung der Hertie-Immobilien kümmert. Ein Haus unter Denkmalschutz - da sei die Ver­marktung immer schwierig.

Für die Görlitzer Hertie-Filiale ist bis jetzt kein neuer Investor in Sicht - auch wenn Paulick sich opti­mistisch gibt, irgendwann eine Lö­sung zu finden. Man sei „mit zwei, drei Interessenten im Gespräch", sagt er. Namen, Konzepte und gar Summen nennt er nicht. Dass das Haus schnell wieder öffnen wird, daran glaubt niemand so recht in Görlitz. Auch wenn eine Bäckerfi­liale und eine Parfümerie im Erdgeschoss bleiben wollen.

 

Cappuccino auf dem Balkon

Der Görlitzer Stadtdenkmalpfleger Peter Mitsching will die Argumente der Immobilienvermarkter nicht gelten lassen. „Warum nimmt man nicht diese einzigartige Architektur und nutzt sie ganz bewusst?", fragt er. Das nämlich hat in den vergan­genen sechs Jahrzehnten keiner ge­tan. Irgendwie wirkten die Waren­ständer und Werbetransparente immer deplatziert. Sie verstellten jedes Fenster und jede Sicht-Achse, verstopften die Raumwirkung, ver­hüllten den Blick auf Marmor und Sandstein. Man könnte die Fenster wieder öffnen, die das Haus früher von allen Seiten mit Licht durchflu­teten.

Man könnte Cappuccino trin­ken auf den bisher unzugänglichen Baikonen. Man könnte im Lichthof zwischen Grünpflanzen speisen und den Raum auf sich wirken las­sen. Und auf den Emporen von Shop zu Shop flanieren. Ist Görlitz hundert Jahre nach der Eröffnung wirklich nicht mehr die Stadt für ein so edles Kaufhaus?

Armin Schneider zuckt die Schul­tern. Er sei ja kein Experte, sagt er. So scheint das Ende einer Ära vor­erst unvermeidlich. „Mit dem Kauf­haus stirbt ein Teil von Görlitz", sagt Schneider. „Das wird vielen erst jetzt bewusst."

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